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Rudolf ist weg…

Geschrieben von: Sandmann am 31.07.13  » Menschen und Maschinen - Artikel


Da fährt er hin...
Da fährt er hin...

Da fährt er hin…

Auferstanden aus den Benzinruinen meines viel zu durstigen Mercedes 260E. Damals eine Art Retter in der Pendelnot, bieder, langweilig, unspektakulär. Und – ein KOMBI!!! :-) Mit einem Kilometerstand jenseits der 300.000 habe ich beschlossen, meinen 2 Jahre lang treuen Rudolf nur fast TÜV-fällig wieder herzugeben. Nach Südfrankreich und Finnland und all diesen Stunden auf der Autobahn. Das alte Last-Tier ist mir aber irgendwie ans Herz gewachsen. Ich werde… ein bisschen traurig.

Gleich kommen sie. Also schnell noch alles ausräumen….

Autogeschichte, umverpackt
Autogeschichte, umverpackt

Autogeschichte, umverpackt

Wenn ich ein lieb gewonnenes Auto hergebe nehme ich vorher immer einen Karton und tu da alles rein, was so in diesem Auto rumschwirrt. Von dem ganzen Tüdelkrams in den Türtaschen und der Mittelkonsole über das Radio bis zum Warndreieck und dem Verbandskasten. Eigentlich passiert das mit dem Ziel, diese Reliquien des Alltags nahtlos im nächsten Fahrzeug an die gleichen Plätze zu drappieren. Aber irgendwie klappt das nicht, in meiner Garage stehen inzwischen vier oder fünf Kartons wie unordentliche automobile Zeitkapseln nebeneinander, vermutlich gucke ich da erst wieder in 42 Jahren rein. Trotzdem muss der Kram da ja mal raus, also los.

Madonna bekommt neue Aufgaben
Madonna bekommt neue Aufgaben

Madonna bekommt neue Aufgaben

Was sich alles so in einem Auto ansammelt! Krass. Hier noch eine Ablage mit Parkzetteln oder Bonbons, da das Navi mit Anschlusskabeln, Münzen, ein Klappmesser, CDs, eine Handcreme, ein Foto und ein kleiner gelber Zettel mit ein paar sehr sehr lieben Worten drauf. Bei Madonna bin ich besonders vorsichtig, die hat ja schon seinerzeit Sizilien erlebt. Die wird ihren Platz auch definitiv im neuen alten Auto finden und nicht ihr Dasein in einem Karton in meiner Garage fristen. Den gerade erst im Urlaub aufgeklebten FIN Aufkleber ziehe ich vorsichtig von der hinteren Stoßstange und spendiere ihn zunächst meinem Taunus. Irgendwie fühle ich mich so, als müsste ich die liebe Wohnung, aus der ich bald ausziehe nochmal streichen. Schockt nicht.

Ein halber Hausstand
Ein halber Hausstand

Ein halber Hausstand

Ohjeohje. Also gut, ab damit in die Garage, zusammen mit dem Werkzeugkasten. Da ist ja auch die Van Halen CD, die suche ich schon seit letzten Sommer :-) So ein Sammelsurium aus allen Ecken eines alten Autos erzählt vermutlich viel mehr Geschichten als ich das glauben möchte, vielleicht hebe ich den Kram ja wirklich auf und zeige ihn eines Tages mal einem Therapeuten… Der Kaufvertrag ist ausgefüllt und unterschrieben, Papiere, TÜV, ASU, ein paar Rechnungen und der Schlüssel liegen auf dem Küchentisch – und da kommen sie schon. Eine rauchen, ein bisschen quatschen, ein bisschen unsicheres Witzereißen und schon wandern ein paar kleine Taler von einer Hand in die andere, ein paar Unterschriften werden getätigt und die Gesellschaft steigt ein. In ein Auto, was nun nicht mehr mir gehört.

Ciao, Rudolf
Ciao, Rudolf

Ciao, Rudolf

Fotoscheu ist sie, die neue Besitzerin. Sie hat schon einen Passat Kombi, genau den gleichen, aber einen Benziner. Und die vielen Kilometer machen einen Diesel nötig, das spart ungefähr die Hälfte an Sprit. Ja, das kenne ich. Ihr Freund (oder ihr Mann? Weiß ich nicht) wird den alten Kombi wieder fit machen, neuer Auspuff, ein paar Bleche und Kleinigkeiten und dann sollte er ihr wohl genau so gute Dienste leisten wie mir. Vielleicht erleben die beiden auch so viele schöne Geschichten, die sie anderen erzählen können. Vielleicht wird Rudolf auch einfach nur ein geräumiges, sparsames Autos sein. Ohne Emotionen und ohne Seele. Das liegt glaube ich immer an den Leuten, die ihn fahren. Bei mir hatte er eine Seele. Eine treue.

Über den Horizont
Über den Horizont

Über den Horizont

Bekommt er irgendwann mal ein H-Kennzeichen? Wird er vielleicht so geliebt, dass er die Jahre überdauern wird? Ich glaube nicht. Die liebenswerten Lastesel sind einfach nicht cool genug, um gerettet zu werden. Fire and forget. So wie bei mir. Werde ich das eines Tages lesen und denken: “Hätte ich den doch bloß aufgehoben…”? Bestimmt. Hab ich bis jetzt ja bei jedem Auto gedacht. Der “Lebe Wohl” Artikel für meinen Audi V8 liegt immer noch in den Entwürfen rum, der ist irgendwie nie fertig geworden. Ich kann ganz schwer loslassen, aber nun isser weg und ich hab Platz für einen neuen. Einen übern Winter. Mehr nicht. Und dann sehen wir weiter.

Sandmann

Original: Sandmanns Welt


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