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Ich fahr… TAXI!

Geschrieben von: Sandmann am 04.08.13  » Menschen und Maschinen - Artikel

Sternenkreuzer Rusty 42
Sternenkreuzer Rusty 42

Sternenkreuzer Rusty 42

So schnell kanns gehen. Rudolfs letzter in Kiel rausgeblasener Feinstaub hat sich noch gar nicht ganz auf den Motorhauben der Nachbarn niedergelassen, da guckt das Altauto liebende Auge schon wieder in Richtung Osten. Da kommen sie ja in letzter Zeit alle her, auch mein Audi 100 wurde im Winter zurück über den Eisernen Vorhang gerettet. Mein Benchmark: Kombi, Diesel, Umkreis 200km, mindestens 12 Monate TÜV und weniger als 1000 Euro. Kein Opel, Ford oder Audi. Die Legende besagt, es stünde nahe Güstrow, ein als Rosthölle verschrieener S210 (also das T Modell vom W210). Ex-Personenbeförderung, cremeweiß. Nun habe ich nicht nur ein Herz für Mercedes, nein, auch ungeliebte Autos mag ich gern. Also sehe mir den alten Herren doch einmal genauer an.

 

Nimm mich mit
Nimm mich mit

Nimm mich mit

Ein Auto mit Geschichte? Oder der pure Wahnsinn? Ein Taxi mit dieser biblischen Laufleistung ist eigentlich schnaufend am Ende seiner Tage angekommen. Die Beschreibung im Inserat behauptet allerdings das Gegenteil. Der private Besitzer fährt den Wagen selbst seit über 30.000 Kilometern und hat insgesamt keine 4 Liter Öl nachgekippt. Neues Lenkgetriebe, neue Bremsen, neuer Kühler und neuer Anlasser. Kleckert nicht, springt sofort an, die neuralgischen Punkte der Vorderachsaufnahme (Stichwort “Federbeinverlust in der Kurve“) sind schon geschweißt. Mit Anhängerkupplung, 8facher Bereifung und noch mit einem Jahr TÜV. Das 1.6 Millionen mal verkaufte Vieraugengesicht aus Sindelfingen, Rastatt oder Graz (kann man das rekonstruieren?) scheint gar nicht so schlecht zu sein, und als ich lese, dass es für das mutige neue Karosseriedesign damals sogar den red dot Award gegeben hat, werde ich neugierig. Also los, mal wieder in den Osten.

On the road again
On the road again

On the road again

Es ist so wahnsinnig heiß heute in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern, dass ich die Klimaanlage des Passat schon nach 10 Kilometern schmerzlich vermisse. Mein alter Audi hat keine, dafür aber vier toll aufzukurbelnde Fenster und diese Lüfterleiste einmal quer über das Armaturenbrett. Das muss reichen. Ausgeschwitzte Flüssigkeit wird in Form von Volvic Apfel in 1.5 Liter Gebinden ausreichend nachgefüllt. Mein Ziel ist rund zwei Stunden von Hamburg entfernt, mit noch mehr Wasser und der einen oder anderen volkstümlichen Audiokasette (Edgar Schlepper…) werde ich das schon aushalten. Ein abgebrühter Vielfahrer bei einer einer erneuten innerdeutschen Grenzüberquerung? Sowas nutzt sich nicht ab, das wird sich für immer seltsam anfühlen. Und was soll ich Ihnen sagen – ich habe noch immer eine Gänsehaut, wenn ich hinter Hamburg auf die A24 fahre und den ehemaligen Grenzübergang passiere. Das wird bis an mein Lebensende so sein.

Grenze mal unspektakulär
Grenze mal unspektakulär

Grenze mal unspektakulär

Ja liebe Kinder, hier bei dieser Baustelle ging’s nicht immer so reibungslos. Von hier nach da wurdet ihr streng kontrolliert, befragt und auch oft durchsucht. Ein bisschen so, als wenn ihr heute mit dem Flieger in Amerika landet. Heute zeugt von dem todbringenden innerdeutschen Streifen nur noch ein braunes Sehenswürdigkeitenschild am Rand der Autobahn, und ab und an wird mal ein Fuchs oder ein Wildschwein im ehemaligen Todesstreifen von einer nicht entdeckten Landmine vaporisiert. Nun bin ich also auf der Transitstrecke, ein Stück Geschichte der Deutschen Teilung, und mache alles andersrum als damals. Also, nicht nur dass man damals als hier lebender Deutscher schlicht nicht ausgelassen wurde, darüber sind wir nun hinweg. Nein. Nach 1990 wurden die allerletzten Rostkisten von windigen Händlern zu Horrorpreisen an die westautohungrigen Ossis vertickt. Hm. Jetzt kauft der dumme Wessi vielleicht eine dieser Karren wieder zurück :-D

Tief im Osteeeeen ♫
Tief im Osteeeeen ♫

Tief im Osteeeeen ♫

Es bleibt mir ein bisschen Zeit zum Nachdenken, als die Grenz-Gänsehaut sich langsam zurückbildet und die Wüstenglut dieses Sommers den Asphalt aufweicht. Bloß nicht anhalten. Was mache ich hier eigentlich? Mein halbfinnisches Fräulein Altona hat ganz klar in den Raum gestellt, dass sie den überwinternden Neuerwerb erst akzeptieren wird, wenn er eine andere Farbe hat. Mit einem Taxi wolle sie nicht durch Hamburg fahren. Der Mensch wächst ja mit seinen Aufgaben. Ich habe mal ein bisschen gegoogelt, der 5-Zylinder des 290er ist ein ruppiger lauter Direkteinspritzer und daher sehr sparsam zu bewegen, trotz seiner knapp 130 PS und seines fünfstufigen Automatikgetriebes. Keine Anfälligkeiten oder Auffälligkeiten in Zeiten noch vor Common Rail. Das sind ja schon mal gute Voraussetzungen. Und Platz hat das T-Modell auch ohne Ende, bei umgeklapptem Rücksitz 1975 Liter! Holy Shit, nicht nur das Baujahr meines Granada Coupés, auch gefühlt mehr Volumen als mein erstes WG-Zimmer! Eigentlich kann nicht so viel gegen dieses Auto sprechen, so als Winterkarre, und kommendes Jahr sehen wir dann weiter. Ups? Ich bin da.

So wie einst in den späten 90ern
So wie einst in den späten 90ern

So wie einst in den späten 90ern

Der alte Herr steht schon abgemeldet auf dem Hof eines Autoverwerters mit angeschlossener Werkstatt, zwischen maroden ausgeweideten Kleinwagen und einem Gabelstapler. Ein Ambiente, in dem normalerweise nicht mal ICH mich nach zuverlässigen Autos umsehen würde. Da steht er. Hässlicher fetter Vorfacelift-Arsch (der red dot Award wurde sicherlich der Limousine verliehen), ein paar sichtbare Roststellen, ein zerbröselter Radlauf – aber die Elegance Ausstattung mit Holz, Fensterhebern und Klimaanlage. Die allerdings irgendwo undicht ist, nach dem Befüllen hat sie 3 Wochen gekühlt und dann war’s wieder aus. Mal schauen, wo sich das beigegebene Kontrastmittel wiederfinden lässt. Später. Handyschale hier (raus damit), Cupholder da (raus damit), kuscheliges Schaffell auf den schwarzen Kunstledersitzen und insgesamt alles genau so wie in den späten 90ern, als ich in den Semesterferien in Kiel mit der damals nagelneuen E-Klasse als “Minicar” unterwegs war. Das war die Kieler Alternative zum Taxi. Mann war ich damals stolz, einen dicken Mercedes zu fahren und dafür auch noch bezahlt zu werden. Zeiten ändern sich ;-)

Funktionell und zahlenmäßig beeindruckend
Funktionell und zahlenmäßig beeindruckend

Funktionell und zahlenmäßig beeindruckend

Wenigstens scheint der Tacho nicht zurückgedreht zu sein :-) Wahnsinn. Aber es sitzt sich gut in dem Auto, nichts stinkt nach Muff oder gar Rauch, die Schalter sind noch immer griffig und sauber. Ein Mercedes halt. Derweil werde ich – nein das Auto – auf Facebook regelrecht zerrissen. Schon gesehen? Sind Sie bei Facebook? Dann schauen Sie mal hier: KLICK Ein Taxi zu fahren sei wie eine Ex-Nutte zu heiraten. Oh. Das Interieur sei so lecker wie eine Bahnhofstoilette. Ah. Der W210 sei der schlimmste Mercedes von allen. Ob ich denn lebensmüde wäre? :-) Himmel. Was habe ich losgetreten? Alle hassen dieses Modell, alle haben schlimme Geschichten von ihm gehört oder erlebt und alle können es nicht fassen, dass ich ein Taxi mit dieser Laufleistung angucke…? Diese Welle der Entrüstung reizt mich. Ich sitze hier so vor mich hin, blicke über die lange Haube auf den noch vorhandenen Stern und mag den Wagen allein deshalb schon ein bisschen gern.

Schalten und walten
Schalten und walten

Schalten und walten

Fast alle Fenster schnurren brav herunter, als ich die Schalter betätige. Das hinten links nicht. Na egal. Licht, klick klack, alles funktioniert. Sogar die gern mal blind werden vorderen Scheinwerfer sind ersetzt worden. Dieses Auto versprüht zwar aufgrund seiner Vorgeschichte einen eher sachlichen Charme, wirkt auf mich aber wie ein treuer alter Esel, der für ein großzügiges Gnadenbrot noch weiter gute Dienste leisten wird. Irgendwie fällt ein Mercedes innen nicht auseinander. Gut, diese Modellreihe verliert gern mal ein Federbein auf der Autobahn, aber irgendwas ist ja immer. Alle reden immer nur vom Rost, Rost, Rost. Doch unter der wild geschwungenen Motorhaube (ein bisschen erinnert mich der Blick nach vorn an den guten alten Strich Acht) schlägt, so sagt man im Netz, ein Herz aus Gold. Ich öffne die Haube, und tatsächlich, da ist eine Menge Herz zu sehen. Aber – werfen wir den Motor doch mal an.

Nahezu unzerstörbar
Nahezu unzerstörbar

Nahezu unzerstörbar

*hach* Das vertraute Nageln eines kalten Direkteinspritzers aus den ersten Serien. Wer erinnert sich nicht noch gern an den ähnlich vertrauenerweckend vor sich hin zündenden Reihensechser, den Nachfolger meines Audi V8? W124 260E, ich setzte ihm verbal ein Denkmal der Unzerstörbarkeit (KLICK) und habe ihn ganz schnell wieder verkauft, weil er versoffener war als Helmut Berger. Sowas nicht noch mal, ich mache Strecke, da wird nicht mehr gesoffen. Dieser nagelnde, turboaufgeladene Klotz hier hat das anscheinend besser im Griff. Die Zusatzaggregate wimmern nicht, der Block ist trocken und alle Warnlampen gehen brav wieder aus. Meine im Kopf langsam auch. Der Verkäufer wirkt ehrlich, zeigt mir alle Stellen und Macken und hat noch ein weiteres T-Modell in seiner Einfahrt – zwei braucht er nicht. Und schlachten lassen will er den hier sehr ungern, dafür wäre er zu gut. Das denke ich auch, als ich ein paar Runden über den Hof und die angrenzende Straße drehe. Das passt. Da klappert nichts, das Getriebe schaltet weich, der Wagen ist in Ordnung. Verdammt. Wird das etwa mein nächstes Auto…?

Niemand hat ihn lieb.
Niemand hat ihn lieb.

Niemand hat ihn lieb.

Warum ich denn nicht gleich mit dem Zug und Kurzzeitkennzeichen hergekommen sei, fragt mich der Vorbesitzer. Weil ich mich damit vom Kauf anhängig machen würde, was schlecht für Preisverhandlungen sei, entgegne ich grinsend. Gut für die Preisverhandlung war das nun auf jeden Fall – ich will dieses Auto haben und erwerbe es inklusive Sommerreifen auf Alufelgen für einen Friseur-Bruttomonatslohn im Land Brandenburg. Was verdammt nochmal nicht für den Reichtum der brandenburgischen Friseure spricht, mich aber glücklich und zufrieden zunächst mit meinem Audi wieder zurück nach Hamburg fahren lässt. Muss ich halt nochmal wiederkommen, dann aber mit der Bahn und mit einem Kurzzeitkennzeichen :-D

Ein Daimler. Schön ist er nicht, aber ich mag ihn. Ihr mögt ihn anscheinend alle NICHT, deshalb habe ich ihn euch hier nun einmal ausführlich vorgestellt. Ein Übergangsauto bis zum nächsten Jahr, mehr nicht. Keine endgültige Sandmann-Karre. Gebt ihr ihm eine Chance? Geschichten – wird es mit ihm auf jeden Fall geben :-D

Sandmann

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Original: Sandmanns Welt


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