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Great, Britain!

Geschrieben von: Sandmann am 15.08.13  » Menschen und Maschinen - Artikel

 

Fast Food und Linksverkehr
Fast Food und Linksverkehr

Fast Food und Linksverkehr

Es ist immer wieder, IMMER wieder unfassbar spannend, in England den Mietwagen in Empfang zu nehmen. Sorry, nicht in England, in Wales. Ich habe mich belehren lassen, dass es sich hier nicht um die gleichen Gegenden handelt, Wales ist westlich von England. Spannend ist es dieses mal auf gleich zwei Arten und Weisen :-) Erstmal der Klassiker: Wegen meines Online-Geizes stehen wir so ziemlich ohne Support, aber mit einem ZĂĽndschlĂĽssel irgendwo auf einem Parkplatz in Birmingham. SchlĂĽssel drĂĽcken. Ein Fiat 500 blinkt auf. Shwmae, kleiner WeiĂźer. Das Lenkrad ist rechts, alles ist irgendwie falsch rum und ich sehe mich schon wieder in einer endlosen Eingewöhnungsphase des Linksverkehrs. Darauf erstmal eine ĂĽberteuerte Pizza to go, sie soll das letzte europäische Essen fĂĽr die kommenden drei Tage werden und wird nicht in Euro, sondern in Britischen Pfund bezahlt.

Platz? Nein. Nirgendwo.
Platz? Nein. Nirgendwo.

Platz? Nein. Nirgendwo.

Dann Spannung Nummer zwei, eng verbunden mit der Automarke. Versuchen Sie mal, drei Personen, zwei große Koffer, einen Kindersitz und einen KINDERWAGEN in einem Fiat 500 unterzubringen. Da habe ich irgendwie bei der Buchung nicht so richtig mitgedacht :-( Es geht schlicht nicht. Auch nicht mit pressen und drücken. Also…? Frau und Kind auf den schmalen Rücksitz, die Koffer in den klitzekleinen Kofferraum und den Kinderwagen….. tja… irgendwie auf den Beifahrersitz (das ist hier der auf der linken Seite) falten. Er passt nur, wenn ich vorher die Räder abschraube. Und wackelt von da an mit seinen vier öligen Achsen am erst 2500 Meilen alten jungfräulichen Wagenhimmel, der bis dahin noch nicht zerkratzten Mittelkonsole und meinem hochzeitlich sauberen linken Arm rum. Super. Meilen. Mann misst hier in Meilen, auch die Geschwindigkeit, das ist ebenfalls ein wenig verwirrend. Der Fiat als Solcher? Süß, knuffig, sympathisch. Vorn fast groß genug, relativ leise, nicht halb so durstig wie ich und bis auf den fehlenden Platz ein begehrenswerter Kleinwagen.

Rechts sitzen, links fahren
Rechts sitzen, links fahren

Rechts sitzen, links fahren

Na, geht ja dann doch. Irgendwie. Die Schaltvorgänge mit dem kleinen Italienhoppser gestalten sich zwar nun noch viel schwieriger als vorher, denn der auf Bauchnabelhöhe angebrachte Knauf ist nicht nur links von mir, er wird auch von einer der vier Achsen des gefalteten Kinderwagens versperrt. Zumindest in den ersten beiden Gängen. Na super, ist meine linke Hand auch noch schwarz schmierig, als Schrauber darf man ja so aussehen. Der Rest der 200 Meilen vom Airport in Birmingham bis zum Hotel in Aberystwyth gestaltet sich als gutes Teamspiel. Mein halbfinnisches Fräulein Altonal ruft bei jeder Kreuzung laut “linkslinkslinkslinks!!!” von hinten. Besonders beim Rechtsabbiegen, da muss man nicht nur auf den Verkehr von RECHTS achten, sondern auch auf die andere Straßenseite einbiegen. Ungewohnt? Ja, durchaus. Aber durch’s rechts sitzen sind sowieso alle Synapsen auf ALARM geschaltet, und so konzentriert man sich am Ende doch ganz gut. Später wusste ich dann auch, was es bedeutet, wann ich laut der Schilder die “Hard Shoulder” benutzen soll und das ARAF auf Walisisch so was wie SLOW DOWN heißt. Hier ist alles zweisprachig aufgeschrieben :-) Über die typisch walisische Landschaft philosophiere ich im zweiten Teil noch ein bisschen mehr, heute wird erstmal geheiratet :-)

da ist eindeutig MEHR Platz drin!
da ist eindeutig MEHR Platz drin!

da ist eindeutig MEHR Platz drin!

Wie kann man eine Hochzeit auf der Insel denn auch anders begehen als in einem klassischen Rolls Royce Silver Spur? Ein ur-Britischer handgefertigter Gleiter mit einem 6,7 Liter V8 Big Block – das Brautpaar hat Geschmack. Drin im Häuschen wird noch kollektiv geschminkt, gegessen und getrunken und aufgeregt gelacht, ich halte erst einmal ein kleines Schwätzchen mit dem Kutscher. Ein edler alter Mann, der den Rolls manchmal auch privat bewegt und ihn hegt wie seinen Augapfel. Ich bin noch nie Rolls Royce gefahren. Das muss ich unbedingt mal nachholen, aber heute sind erst einmal Hille und Hew dran. Wir klären noch mit der gemischt nationalen Verwandtschaft in Englisch und Deutsch, in welcher Kirche wir den gleich auflaufen sollen und quetschen uns wieder in den Fiat. Argh. Es geht die Legende, dass rund um die Kirche eine art Kirmes tobt und es daher mit den Parkplätzen ein wenig schwieriger werden könnte. Okay. Auch das noch, bei allem Linksgefahre. Immerhin spielt das Wetter mit.

So. WO sind die denn nun?
So. WO sind die denn nun?

So. WO sind die denn nun?

Schwieriger, wie? Kirmes, was? Nach gefühlt endlosem Rumgekurve, Wendemanövern an steilen Hängen mit wahrhaft brennender Kupplung und Ausweichorgien vor großzügig um die gesamte Kirche herum verteilten Absperrungen steht der Fiat unter irgendeinem Busch im eingeschränkten Halteverbot. Wir stromern mit dem mühsam durch die Beifahrertür herausgepulten und wieder zusammengebauten Kinderwagen über die Dorfkirmes der feierwütigen Landbevölkerung, die vorwiegend aus seltsam guckenden Menschen mit drei Ohren besteht und finden uns auf einem idyllischen Friedhof wieder. Der einheimische Bräutigam ist bereits da, es ist 15:00 Uhr, die Glocken bimmeln euphorisch und weder von der friesischen Braut noch von ihrem royalen Transportgefährt ist irgendwo irgendwas zu sehen. Wo sind die stecken geblieben? Suchen die noch einen Parkplatz? :-) Na, gehen wir doch erstmal rein.

Auf die Uhr schauende Bräutigame sind klasse
Auf die Uhr schauende Bräutigame sind klasse

Auf die Uhr schauende Bräutigame sind klasse

Sie kommt und kommt nicht. Das macht mit der Zeit auch den Bräutigam nervös, und er guckt wie in jedem dritten Hollywoodfilm auf seine Uhr, während die Sekunden wie Minuten verstreichen. Mein kleines Sandmädchen ist ähnlich ungeduldig und trötet ihren Unmut offen in die altehrwürdige Kirche (und übertönt damit nur schwer die Ballermann-Hits, die von der Dorfkirmes draußen hereinbranden). Plötzlich geht ein Raunen durch die Menge. Die Braut ist da und schreitet das erste mal in ihrem wundervollen Kleid auf ihren künftigen Gatten zu. Der hat Tränen in den Augen. Ich auch. Zwei kleine, wirklich SEHR kleine Blumenmädchen schreiten voran, zumindest für ein paar Meter. Dann beschließt die kleinere von beiden erfolglos, zwischen die Kirchenbänke zu flüchten. Schlecht gelaunt kippt sie zurück in Richtung Braut und hält sich tapfer an deren Kleid fest, die Orgel bläst ein dramatisch schönes Lied dazu. Anfänglich fasziniert von dem bunten Treiben hat das Sandmädchen nun keinen Bock mehr auf heiraten und will raus. Na gut. Ich erfülle ihr diesen Wunsch, wenn auch ungern, denn drinnen kommen die gerade zur Sache!.

So kann man damit auch umgehen
So kann man damit auch umgehen

So kann man damit auch umgehen

Als die dicken keltischen Mauern das folklore Treiben auf dem Vorplatz nicht mehr akustisch abhalten schläft das mir anvertraute kleine Mädchen natürlich umgehend ein. Oha. Steht sie etwa auf banale Unterhaltung? Gar walisische Schlager? *grusel* Oder hat sie es vielleicht nicht so mit streng katholischen Riten? Hm? Immerhin treiben sich hier draußen zwischen den Gräbern noch weitere Persönlichkeiten herum, ich entdecke an einer Art steinernem Tresen Martin Gore, den kreativen Kopf von Depeche Mode und offensichtlich einen guten Freund von ihm, jedenfalls festlich gekleidet. Helo, sut ydych chi?Die Jungs lassen sich das gut gehen, während hinter den dicken Mauern JA gesagt wird :-) Ich hab’s genau gehört. Und gleich darauf schmettert die Gemeinde eines meiner Lieblingskirchenlieder (ich hätte nicht gedacht, das mal auf Englisch zu hören), um im Anschluss wie glückliche Lava aus dem Portal ins Freie zu fließen. Beworfen mit Reis und Konfetti :-D Ich LIIIIEBE diese Momente! Und Martin Gores Vater offensichtlich auch.

Beste Plätze in der Loge
Beste Plätze in der Loge

Beste Plätze in der Loge

Ich sprach anfangs von vielen Hochzeiten. Kommen Sie mal kurz mit? Da ist die Hochzeit von meinem Freund Jan 2007 (KLICK), wo ich noch den Brautwagen gefahren habe. Nee warte mal, HIER (klick) ist noch mehr dazu :-) Oder wie wär’s mit dem finnischen Cousin meines halbfinnischen Fräulein Altonas 2011 in London (KLICK)? Tom besuchen wir morgen auch wieder, aber das ist eine andere Geschichte. Nur ein bisschen später heiratet meine Kinderliebe Michelle (KLICK), und auch da kommt mein Audi V8 zu Ehren. Das sind zumindest die durch den Blog protokollierten… Wir werden langsam alt, oder? Heiraten, trennen, Neuanfang, Kinder… Hihi, ich finde das super. Alt werden schockt. Auch wenn hier echt viele Grabsteine rumstehen, die waren alle auch mal jung, aber na und? Im Hier und Jetzt werden Hew und Hille mit bunten Dingen beworfen. FĂĽr die beiden geht alles erst von vorn los. Mögen sie den richtigen Weg gehen, die richtigen Entscheidungen treffen und auch in schweren Zeiten zusammenhalten.

Walisisch getraut auf der Insel
Walisisch getraut auf der Insel

Walisisch getraut auf der Insel

Hahaaaaa Sie dachten, das ist schon wieder so ein reiner Autoblog, was? Nix da. Und in den kommenden Tagen setze ich sogar noch einen drauf, da nehme ich Sie mit durch Aberystwyth, das walisische Städtchen, dessen Namen niemand aussprechen kann, wo es ein Harry Potter Schloss gibt und wo einem noch der wahre Sinn der Bibel direkt aus einem VW T2 Bulli gepredigt wird. Also Autos kommen auch vor. Na gut. Aber zurück zur Kirmes, der Kirche, ihren bimmelnden Glocken und dem überaus glücklichen Paar davor, was ab heute einen gemeinsamen Nachnamen trägt und aus dem Augenwinkel mitverfolgt, wie der im absoluten Halteverbot geparkte Rolls Royce abgeschleppt wird. Vor den Absperrungen auf der Kirmes klatschen leicht debile Eltern gemeinsam mit ihren Kindern in die Hände, als in der “Punch and Judy” Kiste das Kasperle dem Teufel so richtig eins in die Fresse haut. Ach, wenn Gut und Böse doch immer so leicht voneinander zu unterscheiden wären. Aber ich schweife ab, lassen Sie uns ein bisschen Konfetti schmeißen:

Buntes Treiben auf Asphalt
Buntes Treiben auf Asphalt

Buntes Treiben auf Asphalt

Um eventuell aufkommende Fragen im Vorfeld zu beantworten – nein, das hier ist nicht der Asphalt, auf dem mein iPhone zerschellt ist. Das passiert erst morgen. Hier und heute wird einfach nur ausgelassen gefeiert, vor wie hinter den Absperrungen. Das mit dem abgeschleppten Rolls war natürlich nur ein Scherz. In Wahrheit haben sie unseren Fiat weggezogen ;-) Als sich alles wieder ein bisschen gesammelt hat, als Depeche Mode wieder eingefangen ist und mein Sandfräulein aus dem unruhigen Schlaf zwischen den Gräbern erwacht begibt sich die Gesellschaft in das nahe gelegene Dorf Tregaron. Im dortigen Talbot Hotel soll der Abend tanzend ausklingen. Es gibt eine Legende, dass um 18hundertirgendwas dort ein Elefant von einem Zirkus an Bleivergiftung gestorben sei und hinter dem Hotel begraben liegt. Cool. Auch wenn hier jeder einzelne Stein vor keltischer Geschichte nur so trieft – Elefanten finde ich spannend.

Geschenke falten.
Geschenke falten.

Geschenke falten.

Vorher habe ich noch ordentlich was vor. Den Kinderwagen haben wir unter der endgültigen Zerstörung des linken oberen Wagenhimmels wieder auf den Beifahrersitz gepresst, auf dem Rücksitz befinden sich ein paar gut sichtbare Breiflecken und der abgefütterte Nachwuchs schläft. Teile des linken Außenspiegels zerstäuben an einer altehrwürdigen Brücke aus Stein, als ich einem entgegenkommenden Müllwagen ausweiche. Man gewöhnt sich nur schlecht daran, dass sich LINKS neben einem noch jede Menge Auto befindet. Während man immer noch ständig mit der linken Schalthand an der ölverschmierten Achse des Kinderwagens hängenbleibt. Doch auch in Tregaron angekommen warten noch viele lustige Sachen auf den Sandmann. Zum Beispiel aus vielen vielen 5 Pfund Scheinen das Hochzeitsgeschenk falten. Schiffchen, Flugzeuge… Knicken Sie mal aus so einem kleinen Schein ein funktionierendes Verkehrsmittel! Das ist gar nicht einfach. Und morgen? Morgen geht es weiter. Denn es geht immer weiter, jeden Tag.

Nos da!
Sandmann

Original: Sandmanns Welt


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