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Walisische Gedanken

Geschrieben von: Sandmann am 20.08.13  » Menschen und Maschinen - Artikel

Spaß für Groß und Klein
Spaß für Groß und Klein

Spaß für Groß und Klein

Croeso i Gymru. Was ich euch heute erzählen will? Eigentlich nicht viel. Zunächst nur einen einzigen Gedanken: Krass, ich bin irgendwo im Westen von Groß Britannien! … also in Wales, übers Wochenende. Mal eben so, gar nicht teuer – aber gefühlt wirklich weit weg (und das liegt nicht nur am Linksverkehr) und wieder um eine Erweiterung des beschränkten deutschen Horizonts reicher. Aberystwyth ist nicht nur ein befremdlicher Name für eine Stadt, der sich schlecht aussprechen lässt, ohne seinem Gegenüber ein wenig ins Gesicht zu spucken, Aberystwyth ist auch noch echt etwas ganz besonderes. Doch halt – ein guter Tag beginnt mit einem guten Frühstück. Full English. OOOOO-HA!

Habt ihr so etwas schon mal gegessen…?

Alles was man so braucht - zum Schiffe bauen
Alles was man so braucht zum Schiffe bauen

Alles was man so braucht – zum Schiffe bauen

Die Arbeiter in den Docks mussten vor 100 Jahren schuften wie die Tiere. Damit sie den Tag überhaupt lebend durchhalten konnten haben sie sich früh Morgens ein ordentliches Frühstück gegönnt. Nicht so einen französischen Killefit mit Buttercroissant und Marmelade, sondern ne echte Männermahlzeit. Bore da, Deftigkeit. Spiegelei, gebratene Würste, gebratene Champignons und eine gute Kelle würzige, weiche Bohnen in Tomatensauce. Anbei krossen Speck aus der Pfanne und ein paar Scheiben Toast, die den übrig bleibenden Supp auftunken. Ihr denkt jetzt, das klingt ein bisschen… ekelig? :-) Nein. Überhaupt nicht, es ist wahrhaft köstlich! Man muss nur die Uhrzeit und die Gewohnheit ausblenden. Wenn ich bedenke, dass der durchschnittliche Bayer sich die doppelte Menge Fleisch plus zwei Maß Bier Abends um 20:00 Uhr reinfegt und sich dann rülpsend ins Bett legt… Da gehe ich doch jetzt, um 9:00 Uhr morgens lieber schnell ein paar Schiffe bauen.

Heute Ruhetag?
Heute Ruhetag?

Heute Ruhetag?

Verdammt. Die Werft hat heute geschlossen. Auch die Garage mit den Wedding Cars ist dicht, der Rolls Royce von gestern sucht vermutlich noch immer einen Parkplatz… Okay, baue ich heute trotz des deftigen Frühstücks nichts, sondern stapfe ein bisschen entlang der Promenade durch dieses seltsam schöne Städtchen. Trutzige Burgmauern stehen direkt neben filigranen Promenadenhäuschen, Menschen gehen ihrem Tagwerk nach, fahren auf der falschen Straßenseite und scheinen hier tatsächlich so etwas wie ein Leben zu führen. Gleich der Freundin meines halbfinnischen Fräulein Altonas, die nun seit gestern den Namen ihres Mannes trägt (also – die Freundin) und nach der Flitterei hier wieder an der Universität herumdozieren wird. Fern, sehr fern von Norddeutschland, aber irgendwie ist es hier doch vergleichbar karg und verschlossen. Die Möwen tröten eine andere Sprache, vermutlich Walisisch. Aber sonst…

Am Rand der Welt
Am Rand der Welt

Am Rand der Welt

Was mich an solchen Momenten so fasziniert ist genau das – die arbeiten und leben hier alle, und ich komme von weit her und bin nur auf einer kurzen Durchreise in einer ganz anderen Welt. Sehr europäisch, sicherlich, aber so schön und bunt und eben irgendwie völlig anders als Schleswig-Holstein. Es ist ein kurzes Abtauchen in ein benachbartes Land, schade, dass mein kleines Sandfräulein sich später an diese Momente nicht mehr erinnern können wird. Aktuell liegt sie ohnehin schnarchend im wohlig weichen Kinderwagen und lässt sich das Meeresrauschen der Cardigan Bay um die Ohren säuseln. Was mag sie wohl gerade träumen? Ich nutze die bespaßungsreduzierte Zeit noch für ein paar Schritte rund um die dicken Mauern. Ein Drache, eine nackte Frau und obendrauf ein Engel. Klasse. Das könnte die Versinnbildlichung des Weiblichen DIN-Charakters sein, ist aber eher ein Mahnmal gegen auf-sich schießen und anderen-was-wegnehmen.

Denkt doch was ihr wollt...
Denkt doch was ihr wollt...

Denkt doch was ihr wollt…

Testun gwreiddiol. Wenn ich in den vergangenen Jahren irgend etwas wirklich verinnerlicht habe, dann ist das wohl der Europäischer Gedanke. Wenn die anderen an ihren Stammtischen sitzen und über Europa wettern, über die Pleiteländer und die fehlenden Arbeitsplätze, über die offenen Grenzen und darüber, dass wir “seit dem” ja alle überhaupt kein Geld mehr haben vergessen sie eine wichtige, wenn nicht gar existenzielle Information: Vor rund 70 Jahren haben sich unsere Großeltern genau hier und in all den anderen Ländern um uns herum gegenseitig die Köpfe weggeschossen. Nachbarn haben sich vergewaltigt und gefoltert. Tausende von Familien mit Kindern sind unter deutschen oder britischen Bombenteppichen begraben worden, Liebende und Lebende wurden wie Deo in einem vaporisierten Nebel aus Blut und Fleisch über das Land zerstäubt. Das ist heute vorbei. Danke, Europa! Wenn ihr das nächste mal behauptet, eure Sozialabgaben würden im undankbaren Griechenland verdampfen denkt darüber vielleicht einmal nach. Ich würde lieber alles, was ich an Geld besitze in diese Gemeinschaft legen als irgendwann meine Kinder in einen Krieg ziehen zu sehen. Statement Ende. Das kam mir gerade so, als ich meinen quietschenden Teutonia Quattro an diesem Mahnmal vorbeischob.

Alohomora!!!
Alohomora!!!

Alohomora!!!

Sprechen wir lieber kurz über Harry. Ja, den mit der Narbe auf der Stirn und dem Typen im Nacken, dessen Namen man nicht aussprechen darf. Der ist zwar weder hier geschrieben worden noch drehte man in Aberystwyth auch nur eine Millisekunde eines der Filme, aber dieses Gebäude gleich neben der nackten Frau, dem Drachen und dem Engel könnte durchaus ein Nebenflügel von Hogwarts sein. Wie schon geschrieben, wir befinden uns direkt an der Küste von Wales inmitten hölzerner oder liebevoll verputzter Badehotels aus dem 18. Jahrhundert. Eigentlich. Und dann so ein Klotz. Na ja, vermutlich war der eher da als die Hotels an der Promenade, vorn stehen ein paar taubenbeschissene Dichterstatuen, es wird sich vermutlich um ein verhältnismäßig wichtiges Gebäude handeln. Während die Straßenarbeiter um mich herum die Mülltonnen in der Morgensonne entleeren zaubere ich ein wenig vor mich hin, wodurch dummerweise gleich in der Nähe ein kleiner oranger VW T2 Bulli entsteht und eine freundliche dicke Frau jedem vorbeikommenden Passanten erläutern möchte, worum es in der Bibel wirklich geht. Argh.

Worum es wirklich geht.
Worum es wirklich geht.

Worum es wirklich geht.

Ich kann das vermutlich nicht mehr rückgängig machen. Die Geister die ich rief…. Doch jedem seinen Glauben. Auch darüber könnte ich mich an dieser Stelle auslassen, gucke aber stattdessen fasziniert auf die Schlagzeilen der heutigen Tageszeitungen beim kleinen walisischen Kiosk an der Ecke, wo sich auf Farbfotos islamistische Extremisten zusammen mit allen unschuldigen Menschen in ihrer direkten Nähe in den Tod gebombt haben und nun, wie ihnen seit ihrer Kindheit beigebracht wurde, an der Seite Allahs sitzen. Äh. Gut, dass ich mein Full English Breakfast hatte, sonst würden meine Knie weich. Ist das die gleiche Welt wie diese hier? Ist das vielleicht gar nicht so weit weg? Gerade sind wir noch mit einem viel zu kleinen Auto über viel zu schmale Straßen zwischen viel zu grünen Wiesen mit viel zu vielen Schafen drauf unterwegs gewesen. Frieden. Idylle. Pha, ich lasse das einfach alles nicht an mich ran, schunkel meine kleine Wüstengurke in ihrem unschuldigen, sechsten Lebensmonat durch diese schönen Häuserfluchten und beschließe wieder einmal mehr, ihre kleine Welt, die ich noch einigermaßen im Griff habe so schön und unbeschwert wie irgendwie möglich zu gestalten. Zum Beispiel mit einem Akkordeonspieler.

Und sie tanzen einen Tango
Und sie tanzen einen Tango

Und sie tanzen einen Tango

Tanzen? Ja! Feiern? Ja, vielleicht nicht jetzt hier sofort (die Hochzeit klingelt noch ein wenig in meiner Blutbahn), aber generell und allgemein gern. Die Menschen hier sprechen entweder so, dass ich nicht ein einziges Wort verstehe (das geht mir allerdings mit Plattdeutsch nicht anders) oder sie klingen wie Archie Leach in “Ein Fisch Namens Wanda” – irgendwie sehr formal und mit einem angenehmen Dialekt. Ich gehe jetzt auch nicht weiter auf die kleine Gemeinde Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch ein, die gern als Guinness-Rekordhalterin für dies und das zitiert wird. Schräge Sprache. Huch? Seit ich eben die richtige Schreibweise der von John Cleese gespielten Hauptfigur gegoogelt habe weiß ich, dass es sich hierbei um den richtigen Namen von Cary Grant handelt. Man lernt nie aus. Aber das ist eine andere Geschichte. Mein viertelfinnisches Sandfräulein scheint die nicht vorhandene Vorliebe für handgemachte Kirmesmusik mit ihrer Mutter zu teilen, sie wacht auf und guckt leicht irritiert und mit großen Augen in das walisische Küstenszenario.

Frieden, irgendwo bestimmt.
Frieden, irgendwo bestimmt.

Frieden, irgendwo bestimmt.

Es ist wunderschön hier. Die Zeit scheint irgendwie stehen geblieben zu sein, leider nur für die uns umgebende Landschaft und nicht für das Leben allgemein. Das geht weiter, die Uhren ticken hier mit einer Stunde Zeitversatz genau so schnell wie in Germany. Trotzdem tut es gut, einmal raus zu kommen, einmal die Gedanken schweifen zu lassen und inmitten einer fremden Umgebung ohne Zeitdruck dem Licht, dem Menschen und den Bilder Wirkung zu gewähren. Ich möchte hier gern noch einmal herkommen. Dann wohl mit einem größeren Mietwagen, mindestens einem mit fünf Türen und ansatzweise so etwas wie einem Kofferraum. Gern wieder ins gleiche Hotel. Der schlichte Bau, im vierten Bild im Hintergrund hellblau schimmernd strahlt eine gewisse beengende Gemütlichkeit irgendwo zwischen babyblauen Wänden und lilanen Vorhängen aus. Der Erker des Zimmers blickt direkt auf die Bay, das Meer rauscht und vielleicht haben die Wellen mein daheim gebliebenes halbfinnisches Fräulein Altona zu kreativen Formulierungen bewogen – wir werden eines Tages lesen.

Zimmer mit Aussicht
Zimmer mit Aussicht

Zimmer mit Aussicht

Nur wenige Stunden, zusammengefasst rund drei Tage, aber der Akku ist wieder aufgeladen. Zeit miteinander, Zeit mit lieben Menschen, Zeit in einer fremden, spannenden Umgebung. Zeit in einem viel zu kleinen Fiat 500, zwei flauschigen Hotels und dem schönen Häuschen des Cousins meiner Liebsten. Da fährst du eben gerade noch durch saftige Wiesen und hörst Radiosender, die sich so unfassbar angenehm unterscheiden vom norddeutschen Einheitsbrei der Mainstream-UKW-Lizenznehmer – und schon sitzt du wieder in einem Flugzeug zurück in den Alltag. Ich suche noch immer nach Argumenten gegen die Melancholie am Ende einer wie auch immer gearteten wunderschönen Reise. Vielleicht finde ich die nie. Aber vielleicht ist das auch gar nicht nötig. Die Welt und das Leben vor uns sind noch so voller Geschichten, dass ich eigentlich nur abwarten muss. Und schon geht es weiter. In diesem Moment mit einem Sonnenuntergang über London:

Die Welt von oben
Die Welt von oben

Die Welt von oben

Oh sorry. Keine Autos diesmal. Aber das werdet ihr glaube ich überstehen, genauso wie ihr vermutlich meinen einen oder anderen Abschweifer in politische oder gesellschaftliche Ansichten überstehen werdet. Oder? Diese Welt ist auf der einen Seite so riesengroß – und ist auf der anderen Seite wiederum so winzig klein, dass wir sie in wenigen Stunden umrunden können. Entschuldigt den Pathos, aber es passiert momentan so unfassbar viel, global wie auch im Kleinen, dass es gut tut, einen Strohhalm zu haben, an dem man sich festhalten kann. Und seien es die Eindrücke einer kleinen Reise zu einer walisischen Hochzeit, einer Küstenpromenade und einem der Legende nach beerdigten Elefanten. Wo mag der bloß liegen? Nos da, Insel da drüben. Ich finde es wesentlich besser, dich auf diesem Wege kennen zu lernen als auf diese unschöne Diktatorenscheiße vor 70 Jahren. Lass uns doch so weitermachen.

Sandmann

Original: Sandmanns Welt


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