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Taunus holt Taxi

Geschrieben von: Sandmann am 01.09.13  » Menschen und Maschinen - Artikel

ungleiche Gesichter
ungleiche Gesichter

ungleiche Gesichter

Rudolf ist weg. Und dass ich tief im Osten meine blauen Augen auf ein altes Taxi geworfen habe konntet ihr auch schon episch HIER nachlesen. Und jetzt? Jetzt muss das dicke elfenbeinfarbene Ding mit dem (tatsächlich noch nicht geklauten) Stern auf der Haube auch noch irgendwie nach Kiel geholt und zugelassen werden. Wer bietet sich für eine altautogeprägte Überführungsfahrt mehr an als mein guter Freund Örg, mit dem ich nicht nur die sagenhafte KaSi Retrotour gerissen habe sondern gefühlt auch mehr als die Hälfte meiner Fahrzeuge gemeinsam erwarb? Taunus volltanken, alkoholfreies Weizen auf den Rücksitz, Geld einstecken – und ab nach Güstrow, einen alten Stern vom Himmel holen.

Örg fährt. Ich fahr ja schon so oft.

Fast wie damals im KaSi
Fast wie damals im KaSi

Fast wie damals im KaSi

Mein Knudsen (wer das nicht weiß, den nennt man so wegen der Nase und Bunkie Knudsen, der damals… ach… :-) googelt das, das ist einfacher) rennt seit der Einstellung der Ventile wie entfesselt, und wieder einmal frage ich mich, warum überhaupt irgend jemand ein anderes Auto jemals fährt. Und drin ist eine Menge Platz zum Faxen machen, Reden, Gestikulieren, Artikulieren und was Örg und ich sonst noch so veranstalten, wenn wir uns lange nicht gesehen und eine Menge Geschichten verbal aufzuarbeiten haben. Ihr kennt das ja. Der Weg ist das Ziel.

Mit dem 70er zum 90er
Mit dem 70er zum 90er

Mit dem 70er zum 90er

So ist allein schon diese kurzfristig anberaumte Tour in den Osten ein kleines Happening, und nur wenige Kilometer hinter Kiel mache ich das Radio aus, wir hören sowieso nicht zu und spielen unser eigenes Programm ;-) Wieder fliegt ab Lübeck die alte Transitstrecke dahin. Erstaunlicherweise erweist sich in diesem kantigen Relikt aus einer Zeit vor den Ölkrisen der Benzinverbrauch erheblich geringer als vor drei Wochen mit dem Audi 100. Vorsprung durch Technik? Oder einfach ein schabbelig eingestellter Vergaser beim Audi? Egal, um den geht es in dieser Geschichte nicht, Örg biegt nach gut zwei Stunden um die letzte alleebeflankte Kurve – und wir stehen vor dem dicken Daimler.

Fast wie zu seiner letzten Reise
Fast wie zu seiner letzten Reise

Fast wie zu seiner letzten Reise

Irgendwie… erwartungsvoll… guckt mich das Vieraugengesicht an. Seinerzeit hat er mit diesem Blick den red dot Design Award gewonnen, heute spricht jeder bei seinem Anblick immer nur von durchgerosteten Fahrwerksaufhängungen, Türen und Heckklappen, durchbrennenden Leuchtmitteln und ganz allgemein dem schlimmsten Mercedes aller Zeiten. Ach? Klasse, das finde ich super :-D Zwischen all den export- oder schlachtfertigen Designsünden der 90er Jahre wirkt der 290 Turbodiesel schon selbst wie ein übrig gebliebener Saurier unter rundgelutschten Vertretern der alles beherrschenden Wegwerfgesellschaft – und wird diese locker überleben. Wir parken das goldene Coupé in zweiter Reihe, holen den Sternen-Schlüssel vom Schrottplatzbesitzer und machen Bestandsaufnahme…

das sind... sozusagen LKW Reifen!
das sind... sozusagen LKW Reifen!

das sind… sozusagen LKW Reifen!

In meinem unlängst erworbenen, elfenbeinfarbenen All-inclusive-Paket mit neuem Lenkgetriebe, neuen Bremsen, neuem Anlasser und neuen Frontscheinwerfern (alles seit einem Jahr schon im Benz drin) waren auch noch vier Sommerreifen auf Alufelge dabei, die ich jetzt aus dem Taunus in den schier endlosen Kofferraum des Ex-Taxis umwuchte. Während Örg Fotos macht. Urks. Und schon ist das geliebte Hemd schmutzig, wer hätte denn trotz der ohnehin beeindruckenden Dimensionen dieser gehobenen Mittelklasse gedacht, dass Mercedes-Räder SO groß sein können? Als die alle vier hinten drin sind und die Niveauregulierung genervt seufzt (hat der überhaupt eine? Wenn nicht – was hat dann da geseufzt?) geht es weiter mit einigen Relikten, die bei jedem Fahrzeugwechsel vom einen in den nächsten Wagen wandern. Hier: Le Radio ♫. Hoffnungsvoll und voller optimistischem Eurostecker-erwartenden Tatendrang rupfe ich die Echtholzverkleidung von der Mittelkonsole, schiebe diverse dicke Kabel der ehemaligen Taxameterelektronik beiseite und klippse die bunten Stecker in mein mitgebrachtes Blaupunkt….. Strom ist da… Das ist jetzt normalerweise der Moment, wo sich eine neue eigene Geschichte in irgend einer Katastrophe entwickelt…

Ohne Musik geht GAR nichts!
Ohne Musik geht GAR nichts!

Ohne Musik geht GAR nichts!

Nope. Kein Weltuntergang, keine brennenden Kabel oder synkopisch schreienden Lautsprecher. Nach einem kurzen “READING” schranzen ZZ Top ihre Gitarren aus insgesamt sechs Werkslautsprechern durch das Taxi und bitten irgend jemanden, ihnen all seine Liebe zu geben. Oder ihre. Das war ja einfach. Geht das nun so weiter? Cool. Ich stopfe den ganzen totgelegten Taxi-Kabelsalat wieder zurück in die Mittelkonsole wie ein Ersthelfer die Gedärme eines Unfallopfers in dessen aufgerissene Bauchhöhle und nehme mir vor, hier beizeiten mal ein wenig aufzuräumen und auszudünnen. Die erste intime Kontaktaufnahme ist positiv verlaufen. Angenehm basslastig, das klingt ja richtig GUT :-) Wenn das so weitergeht werden der intern W210 genannte Mercedes und ich womöglich noch Freunde? Er soll doch nur ein Winterauto sein…

Besitzer glücklich, Musik ausgewogen
Besitzer glücklich, Musik ausgewogen

Besitzer glücklich, Musik ausgewogen

Irgendwie komme ich mir hier zwischen all den gestapelten Schrottautos fehl am Platze vor und habe das Bedürfnis, langsam mal zu verschwinden. Dieses T-Modell ist noch kein Schrott. Noch nicht. Während Örg irgendwo im Taunus nach unseren Zigarillos sucht rupfe ich noch einen schlimmen Handyhalter vom Armaturenbrett (verdammt, da hängt noch die halbe Mittelkonsole dran :-( ), ziehe einen Cupholder aus der linken Lüftungsdüse und mache mich schon mal ein bisschen mit dem neuen Raumgefühl vertraut. Vorn um mich rum ist alles Mercedes. Jeder Schalter ist da, wo er sein soll und alles scheint auch zu funktionieren. Das Lenkrad ist von einer “griffigen” Hülle umgeben, die ich auch auf jeden Fall dranlassen sollte, sagte mir der Vorbesitzer. Darunter sei es…. nicht so schön. Genau so die Lammfelle der vorderen Sitze, 630.000 Kilometer haben einfach einige Spuren hinterlassen.

Alle Papiere an Ort und Stelle
Alle Papiere an Ort und Stelle

Alle Papiere an Ort und Stelle

Viel Historie gibt es nicht mehr zu dem treuen Personenbeförderungsmobil. Laut dem ersten Brief ist es lange im Ruhrgebiet unterwegs gewesen, hat – wie bei Taxis so üblich – jedes Jahr seine Salbung, seine Inspektion und seinen TÜV bekommen (ja, tatsächlich, die müssen einmal im Jahr da hin) und hält hinter dem typisch eingebuchteten Handschuhfachdeckel (mit Aussparung für die Taxameteranzeige) sogar die Servicemappe mit allen Anleitungen und Dokumenten bereit. Klasse :-D Noch ein kurzer Mailtausch am Spätnachmittag, ein paar geschriebene Worte an mein halbfinnisches Fräulein Altona über unseren neuen MaxiCosi Transporter – und dann ist eigentlich alles soweit abreisefertig, oder?

25 Jahre zwischen links und rechts
25 Jahre zwischen links und rechts

25 Jahre zwischen links und rechts

Ein ganz klein bisschen verrückt ist das schon, wenn ich mal genau nachdenke. Ich kaufe ein Auto, was schon rund 16 mal um die ganze Welt gefahren ist. Mit demselben Motor und demselben Getriebe. Es hat vermutlich ein paar tausend verschiedene Menschen von a nach b gebracht und dabei Freude und Leiden, Lethargie und Euphorie, trockene Nüchternheit und besoffenes Vollkoma erlebt. Es kostet nicht mehr als die Monatsmiete einer Dreizimmerwohnung in Kiel am Südfriedhof und hat noch ein Jahr TÜV. Muss ich noch mehr wissen? Nein – eigentlich ist das perfekt für mich, und eigentlich kann jetzt nichts mehr schiefgehen. Hey. Das ist schließlich ein Mercedes!

Auf die Freundschaft und die Autos
Auf die Freundschaft und die Autos

Auf die Freundschaft und die Autos

Prost mit 0% Hefeweizen, Örg. Schön, mal wieder ein Auto mit dir zu holen :-D Der Rückweg nach Kiel wird ein bisschen einsam werden, nach den exzessiven Sabbeleien im Taunus fahren wir nun jeder getrennt voneinander im jeweiligen Kraftwagen, und maximal das Navi wird mit mir sprechen. Nun, um so mehr Zeit bleibt mir, mich auf den neuen Wegbegleiter einzustellen, ihn zu erFAHREN, alles mal in Ruhe auszuprobieren und mich an das 16 Jahre alte Wasserbasis-lackierte Blech zu gewöhnen. Ein letztes Bild mit Selbstauslöser auf ostdeutschem Asphalt, und dann wird der bartlose Schlüssel mit der elektronischen Wegfahrsperre (geht) in das dafür vorgesehene Schloss gesteckt, alle Warnlampen gehen an (und auch wieder aus) und der Direkteinspritzer erwacht zu nagelndem Leben.

Wen würden SIE nehmen...?
Wen würden SIE nehmen...?

Wen würden SIE nehmen…?

Der erste Stop heißt “Tankstelle”. Der Daimler ruft nach Diesel, und ich lasse ihn bis zum Stehkragen vollaufen. Ups? Das rechte Fenster geht nicht mehr zu. Ich drücke mit aller Kraft auf dem Schalter rum, während Örg mit ölverschmierten Fingern dem Verbundglas mechanisch nach oben hilft – aber nein. Es geht gern runter, manchmal ein ganz kleines bisschen hoch, aber es bleibt trotz energischem Drückens offen. Na egal. Es regnet ja momentan nicht, es ist ganz schön warm und ich will erstmal ein bisschen Strecke machen. Das bekommen wir schon noch zu. Anders verhält es sich mit dem nach erfolgreich abgeschlossenem Tankvorgang Starten des Fünfzylinders. Der will nicht. Alle Lampen leuchten, aber nichts macht *klick* oder *wiwiwiwi* oder irgendwas. Der neue Anlasser dreht nicht. Na super. Ich kenne das von der Schaltkulisse des Audi V8, wenn da die “P”-Stellung nicht richtig drin war und entsprechendes gemeldet hat ging ebenfalls nichts. Also ruckel ich am Schalthebel, schalte rauf und runter… aber nichts tut sich. Sowas bescheuertes. Ich wähle die Nummer des Vorbesitzers…

Ungeduld und Nervosität
Ungeduld und Nervosität

Ungeduld und Nervosität

Der ist sogar erreichbar, der geht sogar ran und sagt, dass er das auch schon zweimal hatte. Der Hebel der Schaltkulisse rastet gern mal neben der Spur, einfach weiter hin und her schalten, und wenn ich wieder einen Widerstand im Knauf spüren würde dann ginge das auch. Und den Knopf für das Beifahrerfenster solle ich nicht mit aller Kraft drücken, dann würde das auch zugehen. Ach? Ich drücke den Knopf für das Beifahrerfenster nicht mit aller Kraft, sondern mit aller Zärtlichkeit, die ich in diesem Moment bereit bin für dieses Auto zu geben – und das Fenster schnurrt wieder sanft nach oben. Und wieder runter und hoch, so wie ich will, hauptsache ich bin zärtlich. Okay, eine Sorge weniger. Der Hebel der Schaltkulisse sträubt sich noch ein bisschen länger, aber nach kurzer Zeit spüre ich den erwähnten Widerstand, lege ihn in die “P”-Stellung und kann den Wagen anlassen. *NAGELNAGELNAGEL* Vertraut, after all. Na ja. Irgendwas ist ja immer.

Ostseeautobahn im gemischten Doppel
Ostseeautobahn im gemischten Doppel

Ostseeautobahn im gemischten Doppel

Fahren? Entspannt, wie es nur sein kann. Die rund 300 Kilometer aus dem tiefen Osten bei Güstrow bis nach Kiel spulen schnurrend und gelassen ab, der Diesel aus einer Zeit vor der Common Rail Technologie nagelt seinen typischen “Papa kommt nach Hause” Sound in die Welt und ich entdecke dies und das. Zum Beispiel den tadellos funktionierenden Tempomaten, mit dem ich gar nicht gerechnet habe :-) Manchmal ist mehr drin, als man erwartet. Irgendwie eiern die Hinterräder ein bisschen, das sind hoffentlich nur die alten Winterreifen, aber bei konstant 130 scheint eine anullierende Resonanzfrequenz erreicht zu sein. Da rollt der alte Herr ruhig. Der Stern weist den Weg, wie es vor zwei Jahren schon meine W124er E-Klasse gemacht hat. Wisst ihr noch? Klickt mal HIER… Allerdings denke ich, dass dieses Exemplar erheblich weniger Sprit verbrauchen wird. Die Nadel bewegt sich kaum… oder ist die auch kaputt?

Cruising my Religion
Cruising my Religion

Cruising my Religion

Nein, ist sie nicht. Der auf Unzerstörbarkeit dimensionierte 125PS Diesel nimmt dahingleitend tatsächlich nur gut 6 Liter auf 100 Kilometern, und das trotz seiner biblischen Laufleistung! Ein Traum. Und ich höre sie schon wieder alle unken und frotzeln über Taxis und ihre Gebrechen, darüber, dass ich mir wieder so eine alte Schlurre gekauft habe und über Farbe und Zustand. Während ich hier so über die Ostseeautobahn schnurre mache ich mir immer wieder klar, dass ich gerade eine komfortable Winterlösung erworben habe. Und nächstes Jahr sehen wir weiter. Wenn ich mein Herz nicht wieder hoffnungslos an dieses Auto hänge (so wie an jedes Auto, das ich länger fahre…) wird im kommenden Jahr irgend etwas besterntes angeschafft, wo nicht wie bei Rudolf der Auspuff abfällt oder die Schaltkulisse wenig Vertrauen stiftend den Gangwechsel verweigert. Das bin ich meinem halbfinnischen Fräulein Altona schuldig. Dieser Stress lässt sich durchaus vermeiden…

VorMOPF und Facelift...
VorMOPF und Facelift...

VorMOPF und Facelift…

Und jetzt? Örg ist wieder bei seiner Adele zu Hause, das Taxi ist auf meinen Namen zugelassen, die Schaltkulisse ist noch immer mit ein paar Überraschungseffekten versehen und die Hinterachse eiert beständig. Ich bin noch nicht dazu gekommen, mal nachzusehen… Ein bisschen was muss ich noch machen, scheint’s. Doch die Geschichten in und um dieses Auto machen mir jetzt schon Spaß. Das Raumangebot ist gewaltiger als bei meinem ersten WG Zimmer, und die Kombination aus 5-Zylinder Diesel und 5-Gang-Automatik wirken wieder einmal unzerstörbar auf mich. Fünf ist Trümpf. Wir werden sehen. Und ihr werdet lesen.

Sandmann

Original: Sandmanns Welt

 


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