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(Un)geliebtes Vieraugengesicht

Geschrieben von: Sandmann am 03.09.13  » Menschen und Maschinen - Artikel

Nix durchgebrannt. Gar nix.
Nix durchgebrannt. Gar nix.

Nix durchgebrannt. Gar nix.

Es ist schon wieder Zeit für Sepia. Ich wühle nochmal in nostalgischen Gedanken, alten Zeiten und dem Geruch der Vergangenheit. Aber nope – dieses mal tauche ich nicht selbsttherapeutisch in meine zerrissene Kindheit ein und langweilige euch mit schlecht umzusetzenden Entschleunigungstheorien, heute geht es um mein ungeliebtes Taxi. Den Mercedes-Benz 290 Turbodiesel, das Vieraugengesicht, den alle so scheiße finden und den niemand so richtig ankommen lassen will. Ich fahre ihn jetzt einen Monat. Es ist noch keine teure Halogenlampe vorn durchgebrannt. Und überhaupt bin ich ein bisschen schlauer geworden und habe über die Macken und Mimosen dieser Baureihe gelesen – was dieses Modell für mich nicht uninteressanter macht – im Gegenteil :-)

Überzogen? Ach neeeee...
Überzogen? Ach neeeee...

Überzogen? Ach neeeee…

Lassen wir die Birnen also bei allen anderen durchbrennen, bei meinem halten sie. Länger als drei Monate, das war laut AutoBILD die durchschnittliche Lebenserwartung einer Scheinwerferlampe im W210. Außerdem gibt es überzogenen Servicewahn und überzogene ServiceINTERVALLE. In den frühen 90ern hatte ich mir mal geschworen, ja wirklich GESCHWOREN niemals ein Auto zu fahren, was mir diktiert, wann ich mich um Wartungen zu kümmern habe. Verdammt! Es ist 2013, und ich werde in die Hölle kommen. Und das nur, weil die beim letzten nachweislich vor wenigen Monaten durchgeführten Ölwechsel den BC nicht resettet haben :-( Mist. Dann kaufe ich mir wohl mal ein PC Interface und mach das selbst. Aber macht das alles überhaupt noch Sinn? Der Diesel hat 635.000 Kilometer auf der Uhr, und erst gestern habe ich gelesen, dass die 5-Gang-Automatikgetriebe der Baujahre 1997-1998 gern mal Probleme machten. Cool, genau so eins hab ich drin. Allerdings – seit ich es mir Respekt behandel und liebevoll die Gänge einlege schaltet es butterweich und ohne Aussetzer…. Ein Getriebe kann menschlicher sein als so manche Exfreundin.

Mit Liebe geschaltet
Mit Liebe geschaltet

Mit Liebe geschaltet

Sie hatten Bakterien in den Tauchbädern, sagt man, damals bei den Daimlers. Deshalb sind die Modelle kurz nach dem frischem Auffüllen der Lackwannen immer einigermaßen sauber durchlackiert worden, doch je älter die Tauchbäder wurden desto rostanfälliger die teuren Sterne. Was Mercedes damals ganz schön Image gekostet hat, sogar der Stern auf der Haube korrodierte und lieferte damit den Autozeitschriften ein sehr metaphorisches Bild. Man spricht von durchgerosteten Türen, Hauben und Federtellern schon im zarten Gebrauchtwagenalter. Mercedes hat alles bis vor wenigen Jahren immer noch auf Kulanz geschweißt, genietet und gerichtet, wenn das Fahrzeug einen einigermaßen vorzeigbaren Pflegezustand aufweisen konnte. Meiner fällt also auch hier aus der Reihe, er ist als Taxi einfach etwas runtergeritten und – hat tatsächlich nicht viel Rost. Genoss er den Segen des frischen Tauchbades? :-) Wer weiß. Gestern wollte ich die flatternden Hinterräder gegen nicht flatternde Hinterräder tauschen und konnte einen Blick in den hinteren rechten Radkasten erheischen. Kein Grauen. Nur Lack und Unterbodenschutz. Ein feiner plastelliner Innenradkasten, Kantenrost unter dem Dämpfer, alle Verschraubungen tadellos.

Keine Rosthölle, wirklich nicht.
Keine Rosthölle, wirklich nicht.

Keine Rosthölle, wirklich nicht.

Ist dieses Auto vielleicht doch gar nicht so schlimm, wie viele sagen? Ungewohnt anders war er damals, “hässlich”, weil seine vier Augen nicht mal rund, sondern oval sind und Streuscheiben aus Kunststoff statt aus Glas haben. Die werden gern blind – bei meinem sind sie vor einem Jahr neu gekommen. Außerdem habe ich ein vor-MOPF (Modellpflege) Modell, bei dem nehmen die Rücklichter die ovalen Eierformen der Front stilistisch wieder auf – irgendwoher musste ja der red dot Design Award kommen. Die dicken Kotflügel und die prallen Flanken – das alles hat etwas typisch mercedesmäßig Erhabenes. Man liest, der W124 sei der letzte echte Mercedes gewesen. So ein Quatsch. Der war super, gekonnt komponiert und stimmig gestaltet. Aber er hat mit seinen Wasserbasislacken je nach Baujahr noch mehr gerostet als der W210, und ich muss ohne rosa Brille sagen dass das Raumgefühl in diesem Modell hier und heute wahrhaft gewaltig, ja nahezu kathedral ist. Der 124er passte da eher wie ein knappes Badehöschen. Parallel lerne ich, dass die Alufelgen längere Radbolzen als die Stahlfelgen benötigen und baue alles wieder so zusammen, wie ich vorhin angefangen hatte. Schaue ich eben in ein paar Tagen nochmal nach, ob das Flattern wirklich an den Rädern liegt. Wenn die 20 neuen Radbolzen von ebay da sind.

Vollgas über die Rampe
Vollgas über die Rampe

Vollgas über die Rampe

Um die Frage von weiter oben zu beantworten: JA, das macht Sinn. Nach mehr als einer halben Millionen Kilometern klappert nichts, der Fünfzylinder nagelt seine vertrauenerweckende Melodie in den Morgenhimmel und die wuchtigen, schwulstigen Bleche um mich herum bauen mir eine Burg, die im Innern von Holz und Kunststoff verkleidet wird. Es ist ein echter Mercedes. Und sicherlich nicht der letzte echte Mercedes. Wenn die Türen hinter mir nach ich-weiß-nicht-wie-viel-tausend mal auf und zu ins Schloss fallen und noch immer schmatzen wie am ersten Tag (die von Rudolf Diesel, meinem Passat hingen schon derbe runter), wenn der alte Direkteinspritzer nagelt als könnte ihn nichts auf dieser Welt unterbrechen, wenn diese ganze Fuhre voll beladen aber erhaben über norddeutsche Bundesstraßen gleitet und dabei richtig Spaß macht… dann frage ich mich, warum man überhaupt noch irgend ein anderes Auto fahren sollte? Außer einem Ford Taunus vielleicht. Hm. Oder einem Audi 100. Oder einem K70. Aber wie dem auch sei – kennt ihr noch mehr Horrorstories zu diesem Modell? Macken, Bugs, liebenswerte oder hassgeprägte Geschichten? Erzählt sie mir. Ich werde die Ursachen am eigenen Auto demonstrieren ;-)

Ich mag den… ECHT …

Sandmann

Original: Sandmanns Welt


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