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Knallert forbudt – Mit der Mofa nach Dänemark

Geschrieben von: Sandmann am 13.09.13  » Menschen und Maschinen - Artikel

 

Gentlemen - start your engines!
Gentlemen start your engines!

Gentlemen – start your engines!

Teil 1 – Prolog.
Es ist eine Zeit des Erwachens. Den Kinderchen sind gesund, das Häuschen ist warm und die Autos fahren pannenfrei. Weitestgehend. Deutsche Männer über 40 fangen in dieser Phase ihres Lebens gern an, wunderlich zu werden und schnacken 17jährige Schülerinnen mit in ihr Penthouse. Bah. Oder sie kompensieren irgendwas verpasstes mit teuren Uhren und rassigen Sportwagen. Vielleicht Zeit und Stil? Herr S. und ich sind anders. Die schon lange angedachte Buddy-Tour, die kleine Flucht aus dem familiären 26-Stunden-Tag materialisiert sich in einem Termin und einer Tat. BÄM! Wir haben uns jeder eine Mofa gekauft und fahren damit zum Zelten an die Dänische Nordseeküste!

Moment Moment, abfahrbereit sind wir noch nicht.

Die Möp ist malade
Die Möp ist malade

Die Möp ist malade

Diese 42 Jahre alte Vespa Boxer hab ich schon ein bisschen länger. Es wird euch nicht wundern, wenn ich zugebe, dass ich mit genau so einer Mofa als schmucker Teenager täglich zur Schule ritt und mir dieses 2-Personen-Exemplar in einem weiteren Anflug von Vergangenheitsbewältigung kaufte. Ü40. Bisher galoppierte das pöppelnde Italienerlein allerdings nur über Hamburger Nebenstraßen und Kurzstrecken mit dem Ziel: Bäcker. Die Wartung oder Durchsicht aller relevanten Baugruppen seit dem Erwerb war gleich Null. Klar, dass mir nun 5 Tage vor unserer geplanten Abfahrt ein zerfledderter Triebriemen aus dem Radkasten fällt und der Lenker nach einem nächtlichen Umkipper krumm wie der Rücken einer Erdbeerpflückerin ist. ARGH! In beiden mir bekannten Moped-Shops der Landeshauptstadt erwerbe ich verschiedene Riemen (“Boxer? Baujahr 1971?? Oha!!!“), die alle zu kurz sind. AAARGH! Eine Blitzbestellung bei ebay mit Expressversand ist einen Tag vor Abflug die letzte Hoffnung, denn ohne Riemen kein Vorwärtskommen. Herr S. nörgelt schon am Telefon, er will nicht mit dem Auto fahren :-( Der Riemen — passt! Geil. Den stählernen krummen Lenker verkante ich in einem Gulli und zerre so lange an ihm rum, bis er wieder gerade ist. Alles zusammenschwarten, anschmeißen und durchatmen. Sie läuft. Es kann losgehen.

In einem Taxi nach Flensburg
In einem Taxi nach Flensburg

In einem Taxi nach Flensburg

Die betagte Möp und ich nehmen uns am frühen Morgen des kommenden Tages ein Taxi nach Flensburg zur überdachten Bleibe des Herrn S. Angenehm, ein altes T-Modell, da passt der von Lindensiff und Winterschmutz recht verklebte Hühnermörder komplett hinten rein. Dazu kommen ein Schlafsack, Laptop, Zahnbürste und EC-Karte sowie ein Eimer Steine, aber das ist eine andere Geschichte. Notiz an mich selbst: Vor dem Rückweg den Mofatank ein bisschen leerer machen und die Schwimmerkammer vom Vergaser leerfahren… dann stinkt es im Innenraum des Daimlers nicht wie auf einer brennenden Tankstelle :-( Bah. Mist. Ich bin schon auf der Brücke über den Nord-Ostsee-Kanal total benzolbesoffen, aber das stört eigentlich keinen.

Freuen in der Morgensonne
Freuen in der Morgensonne

Freuen in der Morgensonne

So sieht ein Verrückter aus. Klar, damals, 1989 oder so, da waren wir jung und knackig. Mit der Zündapp und der Hercules nach Kopenhagen auf den Campingplatz, kein Problem, Zeit war genug da und gekostet hat das alles nur ein Taschengeld. 25 Jahre später sind die Knochen schon ein bisschen mürbe, die ohnehin knappe Zeit verbringt man am liebsten mit der Familie oder vorm wärmenden Kaminofen und Kopenhagen kommt einem unendlich weit weg vor. Also, für ne Mofatour. Deshalb haben wir spontan beschlossen, “nur” nach Henne Strand an die Westküste zu fahren. Mit dem Auto von Kiel rund drei Stunden. Mit der Mofa von Flensburg noch immer mindestens fünf, aber so können wir wenigstens vor Ort ein bisschen rumhängen, grillen und quatschen. Nach Kopenhagen an einem Tag – niemals. Und Henne Strand kennen und lieben der Herr S. und ich aus verschiedenen Gründen, ein tropisk Badeland gibt’s da auch. Zündkerzen und Ersatzriemen sind unter der Sitzbank – abgesehen von einem technischen Totalausfall der Möps kann jetzt eigentlich nichts mehr passieren :-D

Mit Sack und Pack hinten druff
Mit Sack und Pack hinten druff

Mit Sack und Pack hinten druff

Endlich lerne ich auch das Schmuckstück von Herrn S. kennen, eine silberne BRAVO aus den 90ern. Ein etwas schrulliges Ein-Sitz-Moped mit extrem geringer Laufleistung, vollgetankt und versichert, so wie er es vor ein paar Wochen quasi “all inclusive” gekauft hat. Probefahrt insgesamt bis heute: Rund 400 Meter. Reicht. Es ist schön zu sehen, dass dieser Freund noch bescheuerter ist als ich :-D Okay, haben wir alles? Auf seinem Ross lagern Zelt, Matten, Prosecco Rosé, Nudeln und der Kocher. Auf meinen Oldie schnalle ich die erwähnte dicke Tasche mit frischen Höschen, Steckdosen und dem Laptop, obendrauf den Schlafsack und an die Seite den 5-Liter-Kanister, noch leer. Die 2 PS des 50ccm Motörchens werden ordentlich zu tun haben, aber die italienischen Zwiebacksägen sind für ihre Langlebigkeit und Ausdauer bekannt. Zwischen der roten Möp und der silbernen Möp liegen 20 Jahre, aber technisch hat sich nicht viel verändert. Zwischen der letzten Mopedtour mit Herrn S. und heute liegen sogar noch mehr als 20 Jahre. Damals ist er unterwegs aus Versehen 17 geworden. Himmel, wo sind bloß die Bilder von der Tour? Irgendwo hab ich die noch…. Aber so RICHTIG DOLL haben wir beide uns auch nicht verändert. Na ja. Ein bisschen vielleicht.

Freunde seit fast 30 Jahren
Freunde seit fast 30 Jahren

Freunde seit fast 30 Jahren

1989 habe ich noch bei Mutti in Plön gewohnt, war kurz vorm Abi und mit Simone zusammen. Schuldenfrei, verliebt und am Anfang der Eroberung der Welt. Heute lebe ich in Kiel und Hamburg, habe drei entzückende Töchter (zwischen der ältesten und der jüngsten liegen erneut fast 20 Jahre), schreibe beruflich über Autos und bin mit dem halbfinnischen Fräulein Altona zusammen. Nicht >ganz< schuldenfrei, verliebt und immer noch am Anfang der Eroberung der Welt. Auf so einer Mofa ist man da ziemlich weit vorn dabei. Die Geschichte von Herrn S. ist nicht minder bewegt, aus datenschutzrechtlichen Gründen halte ich damit aber hinterm Berg. Wenn ihr sie lesen wollt – fragt ihn selbst. Vielleicht erzählt er sie hier in den Kommentaren..? ;-) Die Zeit rennt, Freunde. Sie rennt unfassbar schnell. Ich bin ziemlich glücklich, hier und heute per Pedalen und Dekompressionsschalter meine Vespa anzutreten und dieses sagenhafte Gemisch aus Benzin und Öl zu schnuppern. RÖÖMMPÖMMPÖMM PAFF RÖMPÖMMPÖMM… An diesem sonnigen Tag heute riecht das für mich nach Spaß, Freizeit, Freundschaft!

Wir trauen uns noch nicht so recht
Wir trauen uns noch nicht so recht

Wir trauen uns noch nicht so recht

Wissen wir eigentlich, wolang der Weg geht? So ohne Navi und Karten? Ganz grob ja, rund um die Flensburger Förde zum Grenzübergang Kruså, wo wir damals die ersten Erfahrungen mit RICHTIG krassen Pornofilmen im dänischen Sexshop gemacht haben :-D  Dann weiter über Tinglev nach Løgumkloster, Skærbæk, Ribe, Bramming und Varde. Anschließend sind wir schon fast in Henne Strand, ab Flensburg etwas über 160 Kilometer. Wir haben keine Ahnung, ob auf dem Campingplatz überhaupt noch Camping Platz für uns ist, ob die Mofas durchhalten, wie unsere alten Knochen mit den 2-PS-Vibrations-Sitzen klarkommen und ob das alles vielleicht eine riesengroße Scheiß-Idee ist. Aber wir haben da voll Bock drauf (das ist ein schlimmer Begriff aus den 90ern, oder?), unsere Handys für den Notfall am Mann – und wenn alle Stricke reißen gibt es ja noch immer Hotels und die Bahn…

Luft und Sprit
Luft und Sprit

Luft und Sprit

Das Knallert-Duo ist noch gar nicht ganz aus Flensburg raus, da rufen die Möps schon nach Luft und einem vollen Tank. Man weiß ja nie, wann man wieder dazu kommt. Zwei Bar auf die Reifen und zwei Prozent Öl ins Benzin. Warte mal. Da muss ich mal rechnen, bei einem Liter sind das dann… Moment… 1000ml durch 100 mal zwei, also 20ml. Ein’ im Sinn. Ach nee noch nicht, aber heute Abend auf jeden Fall, wenn wir ankommen sollten. Also weiter, auf fünf Litern macht das dann 20 mal 5 also 100ml Öl. Na dann rein damit, auf der Flasche sind so durchsichtige Eichstriche. Ups. Das waren jetzt etwas mehr als 250ml. Aber was soll’s, dann ist das winzige Motörchen wenigstens gut geschmiert! Auf gehts! Der Tag ist noch jung, die Mitttagssonne täuscht ein wenig über den zehrenden Fahrtwind hinweg (und ich werfe mir erstaunlich früh schon meinen Kapuzenpulli über, Herr S. trägt von Anfang an aus Prinzip Leder) und die dänische Grænse ist nicht mehr weit. Ich kann die HotDogs bis hier riechen. Aufgrund des ein wenig aus dem Ruder geratenen Mischverhältnissen von Benzin und Zweitaktöl liegt ab sofort alles hinter uns im Nebel. Aber wen interessiert das, was hinter uns ist? VOR uns liegen drei Tage mit der Mofa in Dänemark!

Etappe 1 erreicht - Das Land der Milch und der Sex Shops
Etappe 1 erreicht Das Land der Milch und der Sex Shops

Etappe 1 erreicht – Das Land der Milch und der Sex Shops

Wer es bis hier hin schafft kommt auch ans Ziel. Herr S. klagt bereits über leichte Rückenschmerzen, wir haben immerhin schon rund 10 Kilometer hinter uns! Der Himmel reißt immer mehr auf, meine Lachfalten um die Augen herum werden minütlich tiefer und ich befürchte, dass diese Reise ein bisschen großartig werden könnte. Auf ebener Strecke 50km/h, eine Wahrnehmung wie auf dem Fahrrad und ein Ziel mit Spaßfaktor 100. Vi ser frem til det! Es rufen uns zwei Tage ohne Termine, aber mit Leberpastete und Brötchen, Nudeln und Sauce, Pommes und Bier. Das Wetter soll total geil werden. Ich könnte vor Freude platzen. Doch genug für heute. Nächstes mal seid ihr von Kruså nach Henne Strand dabei, ein Roadmovie mit gewissen Extras. Ich verrate nur so viel: Herr S. und ich kommen an der Nordsee an. Schaltet wieder ein. Und macht bis dahin doch auch mal was Verrücktes….

Sandmann

Original: Sandmanns Welt


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