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Knallert forbudt – einfach nur DA sein.

Geschrieben von: Sandmann am 19.09.13  » Menschen und Maschinen - Artikel

Am Rand der Welt. Schön hier.
Am Rand der Welt. Schön hier.

Am Rand der Welt. Schön hier.

Teil 3 – in den Tag hinein
Mit der Mofa nach Dänemark. Für U20 ein Riesenspaß, für Ü30 irrationaler Schwachsinn und für Ü40 wieder ein Riesenspaß. Da sind wir nun. Wie Herr S. und ich es hierher geschafft haben können Sie HIER (klick) nachlesen, wie alles begann HIER (nochmal klick). Hm. Und was machen zwei Freunde jetzt? Wahnsinn. Wann haben Sie sich das letzte mal gefragt, wie Sie wohl den Tag verbringen werden – so randvoll mit Minuten und Sekunden, dass einem fast schwindelig werden könnte vor Freude. :-) In dieser Geschichte kommen nur wenige Mofas oder Autos vor. Es geht um was anderes. Doch fangen wir vorn an, mit dem *schmerzhaften* Aufwachen in einem Zelt, auf einer… na ja…. urks…

… jedenfalls nicht auf etwas komfortablem.

das will sich niemand freiwillig antun

das will sich niemand freiwillig antun

Es ist lange her, dass ich ein Bild im Kleinformat am linken Rand des Textes eingefügt habe. Die großen breiten Bilder finde ich eigentlich besser, aber das will ich Ihnen nicht ungefragt zumuten. Aber bleiben wir bei groß und breit, das war ich beides gestern Abend auch, viele gute Gespräche unter zwei guten Freunden, und irgendwie war plötzlich der Wein alle. Hat jemand mitgezählt? Ja, aber in unserem Alter brüstet man sich nicht mehr mit der Anzahl der Flaschen. Viel schlimmer als die pure Menge ist eigentlich, dass es kein Wein, sondern der von Herrn S. importierte rosa Penny-Prosecco war. Viel schlimmer als rosa Penny-Prosecco wiederum ist eigentlich die langsam heraufkriechende Kälte, der ich Anfangs noch mit Jeans im Schlafsack (*schauder*) und Kapuzenpulli begegnen kann. Viel schlimmer als die langsam heraufkriechende Kälte ist die Tatsache, dass die teure, selbstaufblasende High-Tech-Trekkingmatte, die mir Herr S. freundlicherweise zur Verfügung stellt unter meinem Atlas-Körper den Weichheitsgrad einer Bildzeitung entwickelt und ich quasi direkt auf dem in vielen Jahrzehnten steinhart gezelteten dänischen Kiesboden schlafe. Hallo junger Morgen. So fühlt man sich also, wenn man alt wird. Endlich erfahre ich das auch mal. Notiz an mich selbst: Heute kaufe ich eine Luftmatratze. Doch vorher will ich erstmal lange und heiß duschen. Noch ne Notiz: für Warmwasser brauche ich die Campingkarte. Wenn ich morgen nicht wieder nass, frierend und fast nackt in der Morgensonne zurück zum Zelt hopsen will sollte ich die gleich mitnehmen.

Sonnenaufgang in Henne Strand
Sonnenaufgang in Henne Strand

Sonnenaufgang in Henne Strand

Ein langer entspannter Tag liegt vor den beiden wackeren Norddeutschen, und die erste Mission tendiert in Richtung Nahrungsaufnahme. Das Jagdgebiet ist die kleine, noch menschenleere Einkaufsstraße von Henne Strand, und die avisierte Beute besteht aus fluffig-tuffigen Weißmehlbrötchen, Marmelade fra den gamle Fabrik, Butter (salted), Mjölk und selbstverständlich dänischer Leverpastej™, grovkacket. Sie kennen das nicht? Sie mögen grobe Leberwurst? Nun – Leverpastej™ ist ungefähr das gleiche, man bekommt sie frisch im Kühlregal bei Kobmand Hansen, der jetzt nicht mehr Kobmand Hansen heißt sondern SuperSPAR. Na Mensch. Fein in einer lieblosen Aluschale gegart sieht Leverpastej™ ein bisschen so aus, als hätte Dänemark mit diesem traditionellen Lebensmittel seine Sondermüll Entsorgungsprobleme ein für allemal gelöst. Ein Haltbarkeitsdatum bis 2017 macht diesen Eindruck nicht besser, aber glauben Sie mir, auf einem frischen Brötchen schmeckt die echt lecker :roll:

Zwischen tilbud und udsalg
Zwischen tilbud und udsalg

Zwischen tilbud und udsalg

Ein weiteres Phänomen neben der Leverpastej™ ist in Dänemark der permanente Ausverkauf von allem. Irgendwo ist immer tilbud, udsalg, lav pris und frit valg, da aber niemand jemals die ursprünglichen Preise hinterfragt und ich so früh am Morgen schon des Umrechnens müde bin werfe ich alles überlebensnotwendige in den kleinen albernen Wagen, den Herr S. hinter sich her zieht. Oh. portugiesischer Roséwein im Drei-Flaschen-Gebinde, ebenfalls tilbud? Angesichts der staubigen Trockenheit in dem mitgeführten Prosecco-Vorratskeller erscheint mir das eine trinkbare Alternative, und wir legen drei Flaschen in die Kühltruhe zur Leverpastej™. Wenn die Runde durch den Kobmand abgeschlossen ist haben die eine feine Grundfrische in den Flaschen. Hui und jetzt freue ich mich auf ein gemeinsames Frühstück in der wärmenden Morgensonne, mit frischem Kaffee aus dem Kessel und einem ganzen langen Tag ohne einen einzigen Termin vor uns.

Homeward Bound
Homeward Bound

Homeward Bound

Nun ist’s doch mehr geworden als geplant :-) Ein für diese Jahreszeit erstaunlich blauer Morgenhimmel spannt sich über das kleine Städtchen wie ein weiches Laken. Verschlafene Krämer und Klamottenladeninhaber lassen träumend ihre Rollos hochrattern, eine Bäckerin, die von der Straße aus viel hübscher aussieht als aus der Nähe am Tresen verkauft uns noch luftige Mehlprodukte mit dem Nähwert von schon fünf mal recycelten Pappkartons und wir machen uns angenehm komplettiert auf den Rückweg zum Campingplatz. Was nur rund 300 Meter sind, aber in meinem Alter und vor allem nach SO einer Nacht fühlt sich das nun doch ein bisschen so an wie die Green Mile. Ich beschließe, irgendwann heute noch ein kleines Schläfchen zu halten, vielleicht auf einer Holzbank. Oder auf den Steinen vorm Badeland. Alles ist weicher als diese teure selbstaufblasende High-Tech-Trekkingmatte, wie kann irgend ein Mensch auf sowas denn bloß einen gesamten Urlaub verbringen? Ja bin ich denn ein Fakir? Aua. Arks. Nicht so schnell.

Frühstück, nicht bei Steffanie
Frühstück, nicht bei Steffanie

Frühstück, nicht bei Steffanie

Ach wissen Sie was? Genug übers Alter gejammert. Die Sonne scheint, während 300 Kilometer weiter südlich in Deutschland ein kühler Landregen niedergeht. Petrus ist den Mofareisenden hold, ich stelle mir die Frage, ob er sich mit Frau Holle wieder versöhnt hat oder ob die beiden nun endgültig getrennte Wege gehen? Sie er-klick-innern sich? Ist aber auch egal, dieser Frage werden mein Töchterchen und ich im Dezember wieder nachgehen. Hier und heute kocht nach nur 2 Stunden auch endlich das Kaffeewasser auf dem Allesbrenner, und Herr S. und ich stopfen Dinge in uns rein, die vermutlich unter das Kriegswaffengesetz fallen oder zumindest gegen die Genfer Konventionen verstoßen. Herrlich. Das macht glücklich. Und wie sich das für einen echten Camper gehört wird im Anschluss ans Essen zünftig abgespült. Ich habe da hinten irgendwo so eine Spülküche entdeckt, dann mache ich mich mal auf. Herr S. hat Spüli und ein Handtuch dabei, der Mann denkt aber auch wirklich an alles!

Spülen wie die Profis
Spülen wie die Profis

Spülen wie die Profis

Während an der Wanne neben mir die Ü-70-Fraktion munter babbelnd den grünen Aal zerlegt, der gestern in Hvidesande erworben wurde konzentriere ich mich auf meine lange nicht mehr auf diese einfache Art bewerkstelligte Aufgabe und versuche, nicht zuzuhören. Was mich in Dänemark immer ein bisschen deprimiert ist die Tatsache, dass alle, aber auch wirklich ALLE Deutsch sprechen. Da überkommt mich am Kieler Bahnhof fast noch ein größeres Urlaubsgefühl. Und während Ellie, Karla und Gustav Fischgeruch verbreitend den gekachelten Raum mit Kalauern füllen fällt mein Blick auf den großen, öffentlichen Kühlschrank. Oh. Fein für unseren Wein. Gleich daneben stehen drei dicke Elektroherde mit mehreren Ceranplatten, oben drüber hängen zwei Mikrowellen. Ah. Wir hätten uns nicht nur diese sagenumwobene Trekkingmatte, sondern auch den Kocher mit dem Wirkungsgrad eines ausgelaugten Glühwürmchens sparen können. Es ist alles hier. Aber morgen ist ja auch noch ein Tag, wir lernen dazu :-) Und nun, wo alles sauber und abgetrocknet ist (ich weiß nicht, vor wie vielen Jahren ich als Spülmaschinenbesitzer das letzte mal mit der Hand abgewaschen habe, war es auf der Klassenfahrt ins Schullandheim Rantum auf Sylt???), geht es auch schon auf den Mittag zu. Plan: Wieder in die Stadt schlendern und MÄNNERSHOPPEN! Geil.

Na guck. Flauschig, skandinavisch - und meins
Na guck. Flauschig, skandinavisch und meins

Na guck. Flauschig, skandinavisch – und meins

Und wie in der Spülküche sind wir jetzt auch hier inmitten von inzwischen erwachten und einkaufswütigen Menschen. Deutsche. Und die meisten gehen vor allem auch hier davon aus, dass jeder Däne des Deutschen mächtig ist. Mit urgermanischer Überheblichkeit werden die Boutiken und Geschäfte betreten, und es wird sogleich auf die armen Verkäuferinnen und Verkäufer eingequatscht, nein nein, nicht erst einmal fragen, ob man vielleicht Deutsch spreche. “Die tun das ja sowieso alle hier!“. Stimmt allerdings auch, trotzdem frage ich jedes mal nach. Auch hier, in diesem netten kleinen Trend-Lädchen, wo ich mich in eine Winterjacke und einen Stoffgürtel verliebe. Herr S. tendiert nebenan zu einer ziemlich geilen Jeans von BOSS Orange, die sie aber knapp nicht in seiner Größe da haben. Schade. Wir wären die coolsten Mofatouristen nördlich von Ribe gewesen. Obwohl – das sind wir auch so :-D In einer Strandartikelbude bekomme ich auch für ganz kleines Geld meine ersehnte Luftmatratze, sie ist gelb und jetzt steht einer guten zweiten Nacht nichts mehr im Wege. Shoppen macht hungrig. Und was isst Mann so zum Mittag, wenn Frau nicht dabei ist und entrüstet mit dem Kopf schütteln kann? Richtig –> HotDog, Pommes und ein frisch gezapftes dänisches Bier.

Mittagessen. So wie ich es mag.
Mittagessen. So wie ich es mag.

Mittagessen. So wie ich es mag.

Es ist dieses ganz besondere Gefühl von Freiheit, allein unter Jungs, unter Freunden zu sein. Frauen untereinander benehmen sich schließlich auch ganz anders als im Rudel gemeinsam mit den Herdenführern, und bei Männern ist das genau so. Sicherlich gibt es zwischen den Geschlechtern noch diverse Unterschiede, über die nicht nur Mario Barth schon ausgiebig referiert hat, aber Herr S. und ich sind uns angenehm einig, was über Tag so Spaß macht. Und ein Pils gehört dazu. Vielleicht sogar noch ein zweites aus dem Supermarkt, eins für den langen Heimweg zum Campingplatz, aber da wollen wir jetzt noch nicht hin. Der Strand ruft mit seinen rauschenden Wellen, die sinkende Nachmittagssonne lässt die Schatten schon länger werden (daran merkt man, dass langsam der Herbst kommt) und das diffuse Licht hier an der Nordseeküste gleicht dann immer ein bisschen dem an der Côte d’Azur. Irgendwie unwirklich, wie in einem Film, aber wunderschön. Noch schöner ist es ganz oben an der Nordspitze, in Skagen, vielleicht erinnern Sie sich ja an meine leicht pathetisch-melancholischen Zeilen aus dem vergangenen Herbst… KLICK

Gestrandet an der Nordsee
Gestrandet an der Nordsee

Gestrandet an der Nordsee

Es ist die unendliche Weite der Nordsee, die geradlinige Klarheit des Horizonts und die simple Einfarbigkeit und Wärme des Sandes, die mich immer wieder hier hin ziehen wird. Ich könnte stundenlang über das Meer gucken, es würde nicht eine einzige Sekunde langweilig werden. Die Luft ist noch recht lau, die kommende Nacht traut sich noch nicht ganz aus ihrem Versteck. Aber sie klopft schon leise an, gut dass ich die Jacke gekauft habe, ich glaube die kann ich gleich schon brauchen. Freundschaft. Haben Sie in den letzten Jahren einmal über Freundschaft nachgedacht? Wie viele “Freunde” haben Sie auf Facebook, und wie viele davon blenden Sie nach und nach aus, weil Sie einfach keinen Bock mehr auf geteilte Sprüche, Katzenfotos, Jogging-Statistiken oder Bilder vom Abendessen haben? Weil die Zeit einfach viel zu wertvoll für einen derart belanglosen Scheiß ist? Ich glaube, es braucht einschneidende Erlebnisse im wirklichen Leben, um zu bemerken, mit wie viel Mist man seine Zeit vergeudet. Wie vielen Vollidioten man ein Ohr schenkt. Und wie wertvoll manche Momente sind.

Bilder für die Nachwelt machen
Bilder für die Nachwelt machen

Bilder für die Nachwelt machen

Freunde sind real. Freunde besuchen sich und sprechen miteinander, sie lachen und weinen gemeinsam sie lassen sich in Ruhe, wenn sie merken, dass das angebracht ist. Ich gehöre zu den Menschen, mit denen man schwer Termine machen kann. Ich gestehe, dass das auch auf Facebook einige mir sehr ans Herz gewachsene Charaktere bisweilen in den Wahnsinn treibt, und irgendwann klappt das hier und da auch noch mal. Aber Herr S. ist eben NICHT die Spezies Facebook, der nimmt sich Urlaub, teilt den mit und vertraut darauf, dass ich meine Freizeit schon regeln werde. Er kennt auch meinen tatsächlichen Geburtstag und hat mir in diesem Jahr am 01. Februar NICHT zu meinem 101. gratuliert. Wie so viele … wie sagt man? … Follower :-) Den Segen meines halbfinnischen Fräulein Altonas habe ich auf unserer Mofatour allemal, die fragt sich sowieso warum ich mich so selten mit meinen tatsächlichen Homies treffe. Ich bin halt ein Eigenbrötler und Familiengenießer. Nun ja. Und na guck. In diesem Moment kommen liebe geschriebene Worte von der Frau, die mir trotz Spaß und Entspannung an der Seite von Herrn S. fehlt. Sehr fehlt. Ich lese ihre Worte still, genieße und bin glücklich. Das Leben ist schön.

Herz-Nachrichten  in der Abendsonne
Herz Nachrichten in der Abendsonne

Herz-Nachrichten in der Abendsonne

Frisch wird’s an der Nordsee, also werfe ich mir das unlängst erlegte synthetische (und vermutlich in Indien gefertigte) aber in Dänemark designte Stück wärmenden Pelz über. Das können sie ja wirklich über die Produktion von Pornos hinaus, die Skandinavier: Klamotten und Möbel. Letzteres begutachten oder erwerben wir allerdings nicht in den zahlreichen einschlägigen Designgeschäften, das würde sowohl unsere Konten als auch die Zuladungskapazitäten unserer Mofas übersteigen! Lieber gucken Herr S. und ich noch ein wenig der verschwindenden Sonne nach, bis sie zischend ins Meer eintaucht und einen feuerroten, mit faserigen Wolken gewürzten Himmel hinterlässt. Was für sagenhafte, einzigartige Farben übrigbleiben, wenn das gesamte Spektrum des Lichts einen längeren Weg vom Horizont durch die Atmosphäre zu unseren Augen nehmen muss. Und anteilig weggebeugt, weggestreut und wegreflektiert wird. Kein Physikerwissen dieser Welt hat es geschafft, diesen Momenten durch reine Erkenntnis die Schönheit zu nehmen. Und gewittert das da nicht auch irgendwo? Oh. Nein. Das ist mein Bauch…. Der knurrt ungeduldig, und das Getränk ist auch so langsam wieder leer… Herr S., wie sieht’s aus, wollen wir langsam wieder zurück zum Zelt und den Abend einleiten?

Abendstimmung in Henne
Abendstimmung in Henne

Abendstimmung in Henne

Ja, das wollen wir. Henne Strand geht langsam nach Hause, vor den Geschäften werden die heute Morgen noch müde hochgezogenen Rolläden wieder heruntergelassen, Einheimische verschließen ihre Boutiken und Läden und gehen nach einem getanen Tag nach Hause. Touristen drücken sich noch ein letztes Softeis rein, pflücken ihre vor Müdigkeit quengelnden Kinder aus Trampolinen, Hüpfblasen oder Bällebädern und schlagen jetzt zwei Möglichkeiten ein. Die erste führt sie zurück ins Ferienhäuschen, wo Mama das Abendessen zubereiten wird, während Papa Fußball auf dem Flachbild-TV guckt und hofft, dass Kevin und Jaqueline bald mal schlafen werden. Die zweite treibt den ganzen Clan in die großartige Pizzaria “Il Mandolino” am Ortseingang, wo es nachweislich die beste Pizza außerhalb von Florenz gibt. Danach ist das Konto ein wenig schlanker, aber Essengehen ist auch in Deutschland nur noch den Reichen und Schönen vorbehalten. Warum sollte es hier anders sein? Herr S. und ich sind weder reich noch schön, also haben wir uns den Italiener für morgen Abend auf die Agenda geschrieben. Heuten gibt es nochmal Nudeln vom Kocher :-)

Es wird zubereitet, was zuvor erlegt wurde
Es wird zubereitet, was zuvor erlegt wurde

Es wird zubereitet, was zuvor erlegt wurde

Um uns herum herrscht ein für diese Jahreszeit (finde ich) reges Treiben.  Mal abgesehen von dem Platz direkt neben uns, da steht seit gestern ein Motorroller mit einem klitzekleinen Zeltchen davor, zu dem es einen maximal nachtaktiven Inhaber geben muss. Wir sahen ihn bisher nicht. An anderer Stelle aber werden die heute Morgen vorbereiteten Aale aus Hvidesande in WMF Pfannen oder Weber Grills zubereitet, Menschen weit jenseits des Rentenalters gruppieren sich um fein gedeckte Tische, Andrea Berg singt aus einem Radio und leises Geschirr- und Gläsergeklapper füllt die Luft. Ich bin ja nicht so der Fischfreund, aber es riecht wahrhaft gar nicht schlecht. Uschi, Gisela und Reinhard stoßen noch verspätet dazu, sie waren im Badeland und sind irgendwie im Whirlpool hängen geblieben. Die Unterhaltungen werden nach und nach lauter und politischer, aber der Fisch scheint zu schmecken. Und unsere Nudeln?

Na dann Mahlzeiiiiiit
Na dann Mahlzeiiiiiit

Na dann Mahlzeiiiiiit

Die beiden hier abgebildeten Männer haben weder einen Tisch noch ein Tischtuch, auch keine WMF Pfannen oder Weber Grills. Das passt alles vielleicht in ein 50-Quadratmeter-Wohnmobil, einen Audi V8 oder einen Kombi Ihrer Wahl, nicht aber auf eine Mofa. Definitiv nicht. Aber die Spaghetti auf den Plastiktellern mit des Sauce aus der Tüte schmecken nach einer würzigen Freiheit, die unsere Nachbarn vielleicht nie erfahren haben (und aufgrund ihres Alters auch nicht mehr erfahren werden). Wer noch selbst vor Stalingrad gelegen hat fühlt sich sicherlich in seinem Hymermobil mit Schränken in Eiche rustikal und einem stadiongroßen Vorzelt von Isabella geborgen und pudelwohl. Herr S. und ich lagen nicht vor Stalingrad. Unsere heutige Freiheit besteht aus einem weißen Terminkalender und einem minimalistischen Wohnraum, einem endlosen Horizont und einer Sonne im Herzen, die noch weiterleuchtet, obwohl das Licht langsam schwindet. Bevor es so richtig finster wird muss ich noch mein nagelneues Komfort-Nachtlager aufpusten.

Dabei sind wir gar nicht in Blavand!
Dabei sind wir gar nicht in Blavand!

Dabei sind wir gar nicht in Blavand!

Sicherlich haben die meisten unserer stammtischparolengröhlenden Nachbarn in ihren Wohnmobilen irgendwelche Vakuum-Hochleistungs-Luftpumpen. In diesen Rolling Homes, die größer sind als so manches Zweifamilienhaus schleppen Oma und Opa häufig fast ihren gesamten Hausrat mit sich rum, damit es vor Ort im Urlaub möglichst alles genau so ist wie daheim in Bottrop oder Castrop-Rauxel. Ich hör jetzt mal auf mit meinem Dauercamper-Gedisse, bestimt gibt’s da auch ganz viele liebenswerte Individuen unter den Wohnmobilisten. Zurück zum Nachtlager. Sandmann bläst noch selbst. Ganz oldschool mit Mund und Lunge, da zeigen sich wieder einmal die Vorzüge, wenn man kein richtiger Raucher ist. Allerdings wird das Luftmatratzenventil von heute an bis in alle Tage nach Hackfleisch und Leverpastej™ schmecken ;-)

Männer gucken gern auf Feuer
Männer gucken gern auf Feuer

Männer gucken gern auf Feuer

Gute Nacht Dänemark. Der Abend wird wieder ziemlich lang und die Nacht recht kurz, denn der portigiesische Rosé aus dem tilbud vom Kobmand schmeckt überraschend gut, das campingkompatible Lagerfeuer lodert und knistert und die Themen gehen nicht aus. Was haben wir allein hier in dieser Stadt schon alles erlebt, damals gemeinsam, dann auf getrennten Wegen mit diesen oder jenen Begleitern und heute wieder gemeinsam. Es tut so gut, mal rauszukommen. Keine dienstlichen Anrufe entgegen zu nehmen, nicht online sein, keine Mails checken. Einfach nur DA sein. Ich habe so eine Ahnung, dass ich auf der gelben Matratze VIEL besser schlafen werde als letzte Nacht. Und morgen ist ein neuer Tag.

Sandmann

Original: Sandmanns Welt


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